Front Line Assembly: EBM/Industrial Pioniere im vierten Jahrzehnt

Posted on 6th Mai 2013 by klangwelt in Schwerpunkt Electronic Body Music (EBM) - Tags:
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front line assembly - bill leebFront Line Assembly prägten den Stil Electronic Body Music Anfang bis Mitte der 90er Jahre maßgeblich mit, produzierten die Zeit darauf aber durch teilweise misslungene Auftritte und strittige Alben Schlagzeilen. Seit der Rückkehr von Rhys Fulber im Jahre 2003 und weiteren Bandzugängen nahm die Geschichte der Pioniere eine erneute Wendung: Die Altmeister zeigten sich erfrischt, kraftvoll und ausgestattet mit nahezu jugendlichem Tatendrang. Zeit, ein paar Stationen zu beleuchten.

Front Line Assembly – ein Rückblick

Im Juli 2013 erscheint das neue Front Line Assembly Album Echogenetic. EBM/Industrial Fans können sicher sein, es wird am oberen technischen Limit rotieren – und doch „back to the roots“ gehen.

Anlass, ein paar Stationen des Front Line Assembly Werdegangs zu skizzieren. Eine zeitlose und prägende Band, deren Vielfältigkeit und Release-Reichtum schwer zu überblicken ist. Ein Blitzlicht relevanter Stationen ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Front Line Assembly in den 80ern

Bill Leeb alias Wilhelm Schröder gründete die Band Mitte der 80er Jahre zusammen mit Michael Balch, um seine immer stärker von Skinny Puppy abweichenden musikalischen Vorstellungen umzusetzen. Er bevorzugte den eher gradlinigen europäischen Sound.

Die ersten und heute heiß begehrten Demos Nerve War und Total Terror entstanden, bald gefolgt vom ersten Album The Initial Command. Das Album bot mit Tracks wie The State oder Nine Times sowohl dezente Industrial-Einflüsse als auch moderate elektronische Klänge, straighter und direkter als zu Skinny Puppy Zeiten.

Wechsel: Rhys Fulber für Michael Balch

Kurz vor dem sehr atmosphärischen und gleichzeitig industriellem Album State Of Mind kam Rhys Fulber in die Band – ein Glücksgriff, wie sich später zeigen sollte.

1989 wandelte sich Vieles: Michael Balch verließ die Band, das tanzbare und im Charakter kontinentale Album Gashed Senses & Crossfire erschien – und enthielt mit No Limit einen Prototyp klassischer EBM Musik, durchaus an den damals vorherrschenden Front 242 orientiert.

Mit der MCD Digital Tension Dementia konnte man erstmals richtig in Europa punkten: Straight und doch technisch versiert lautete das Urteil über die Maxi, die in Zeiten der immer beliebter werden Electronic Body Music auf den Markt kam.

1990 – 1996: Die goldenen F.L.A. Jahre

Die Zeit zwischen 1990 – 1996 gilt relativ einstimmig als die mit Abstand Beste der Band.

Caustic Grip

Das Album Caustic Grip war musikalisch ein Quantensprung. Songs wie Provision, Iceolate oder Overkill vereinen harten, rhythmischen EBM Sound und bissige-distortete Vocals mit differenzierter und vielschichtiger Produktion.

Keine Frage, gäbe es eine All-Time-EBM-Top-10, dieses Werk wäre immer dabei.

Tactical Neural Implant

Das etwas temporeduzierte Folgealbum Tactical Neural Implant bot mit dem eingängigen Überhit Mindphaser oder dem wuchtigen Gun würdige Nachfolger. Sämtliche Songs klangen ausgereift und hochwertigst produziert.

Auch die MCDs Virus und The Blade reihten sich nahtlos in den populären F.L.A. Stil ein und waren aus den Clubs nicht mehr wegzudenken. F.L.A. überholten scheinbar mühelos die bis dahin dominierenden Formationen Front 242 und Nitzer Ebb, die jeweils ob stilistischer Unsicherheit schwächelten.

Millenium

Das recht rockige Album Millenium ist das umstrittenste Werk dieser Ära. Einigen Fans gefiel der plötzlich hereinbrechende gitarrenorientierte Sound der Scheibe nicht.

Trotz aller Kritik finden sich auf Millenium reihenweise packende Songs mit akribisch ausgearbeiteter Hintergrundelektronik, auch wenn das Gitarrenspiel ab und an etwas drübergebrettert wirkt.

Es war die Zeit, in welcher Front Line Assembly schlichtweg starke Songs mit extrem durchschlagenden Refrains schrieben, ungeachtet der strittigen Inszenierung. Jede MCD dieser Zeit war ein Erlebnis, auch der kommerzielle Erfolg stellte sich weiterhin ein.

Hard Wired

Das 1995 folgende Album Hard Wired reduzierte den Gitarreneinsatz wieder und vereinte nahezu alle positiven Elemente der vorangegangenen Alben. Die lange angekündigte Europa-Tour besaß einen triumphalen Charakter.

front line assembly - live 1996

Front Line Assembly live 1996 – live @ Zilo Festival

Mit Circuitry und Barcode feierte die Band Single-Erfolge. Hard Wired und die anschließende Live Wired Tour durch Europa stehen für die kommerziell erfolgreichste Zeit der Kanadier.

Plasticity MCD

Die nächste Veröffentlichung war Plasticity. Der Track integrierte erstmals explizit Technoeinflüsse, ohne den typischen F.L.A. Sound zu ignorieren.

Fast alle MCDs der damaligen Zeit waren echte Highlights, ihre Extratracks überboten die Qualität späterer Veröffentlichungen locker. Eigentlich stand der Band nichts im Weg – eigentlich.

Wandel: Rhys Fulber verlässt die Band

1997 widmete sich Rhys Fulber mehr und mehr der Produktion von Fear Factory und stieg doch recht überraschend aus. Chris Peterson nahm seinen Platz ein.

Es folgte das F.L.A. Album Flavour Of The Weak und damit ein kompletter Stilwandel: Electronica-Eelemente, Drum & Bass Rhythmen und ausführliche Soundspielerein prägten den Klang.

Schwierige Front Line Assembly Alben

Flavour Of The Weak war technisch nach wie vor ohne Makel, aber ohne jegliche Intensität oder packende Momente – das Album entwickelte sich zum Flop. Ein Release, welches rückwirkend von Bill Leeb sehr kritisch gesehen wird.

Technisch ohne Zweifel perfekt und doch entsetzlich blutleer in der Wirkung. Ein Album für Musiktheoretiker und wer mag die schon?

F.L.A. versuchten auf den Nachfolgern Implode und Epitaph zu alter Stärke zu finden, doch so richtig überzeugend klappte dies selten, obgleich beide Werke in einigen Titeln wieder das Eigene von F.L.A. betonten und dadurch die Hoffnung weckten, dass noch Leben in der Band steckt.

Trotz guter Stücke wie Prophecy, Epitaph oder Black Planet kamen viele der Tracks nie so recht auf den Punkt oder wirkten angesichts der häufig benutzen Fistelstimme kraftlos.

Tatsächlich trat aber nun eine neue Generation an Fans hinzu, für die diese Alben prägend waren. Parallel erschienen zahlreiche Compilations auf diversen Labels – es roch nach Ausverkauf.

Nebenprojekt Delerium

Große Erfolge feierte Bill Leeb in dieser Zeit mit einem Front Line Assembly Nebenprojekt: Delerium, einst als experimenteller und ambientgeprägter F.L.A. Ableger gestartet, stürmte mit trendigen Ethnoklängen die Charts und so spielte die Formation auf einmal bei Top Of The Pops.

Aus Gründen des Umfangs wird hier auf die weiteren Nebenprojekte von Bill Leeb (Noise Unit, Cyber Aktif u.a.) verzichtet.

Der Skandal: WGT 2002

Richtig unbeliebt machten sich Front Line Assembly, als sie auf dem WGT 2002 aus dubiosen Gründen nicht auftraten, sondern scheinbar „Doppelgänger“ auf die Bühne schickten. Der Begriff „Klonfresse“ machte in Foren die Runden – der Tiefpunkt. Auch das Aus?

Bessere Zeiten? Rhys Fulber kehrt 2003 zurück

Nein – im Jahre 2003 kam Rhys Fulber in die Band zurück und tatsächlich scheint Bill Leeb für die Umsetzung seiner Ideen meist den versierten Soundtüftler zu benötigen. Front Line Assembly sammelten sich und veröffentlichten neue Songs.

Civilization

Die bündig wirkende MCD Maniacal und das folgende Album Civilization knüpften 2003 teilweise an den lange vermissten Hard Wired Sound an und ergänzten diesen mit aktuellen elektronischen Klängen.

Stilistisch bewegte sich Band zwischen EBM, Electro und Ambienteinflüssen – die Single Maniacal entwickelte sich zu einem kleinen Clubhit.

Vor allem kehrte die Fähigkeit, komplexe Arrangements mit ausgereiften Songideen zu vereinen, konsequent in das Front Line Assembly Universum zurück.

Artificial Soldier

Das folgende reguläre Studioalbum mit den neu hinzugekommenen Musikern Jeremy Inkel und Jared Slingerland bediente sich weiterer elektronischer Stile.

Heraus kam 2006 ein teilweise hektisches und überladenes Werk, das aber mit Highlights wie Unleash oder Dopamine aufwarten konnte und dem herrschenden Electro-Zeitgeist Tribut zollte. Immerhin in gehobener Front Line Assembly Qualität.

Es folgten Liveauftritte in Europa, die sowohl ältere als auch jüngere Fans überzeugten, auch wenn nicht mehr der Kultfaktor der Hard Wired Tour erreicht wurde.

Die anschließende Fallout Remix CD hinterließ einen eher zwiespältigen Eindruck, konnte aber mit Armageddon und vor allem dem zackigen Electric Dreams gute Non-Album Tracks vorweisen.

Improvised Electronic Device

Den Höhepunkt des letzten Jahrzehnts fabrizierten F.L.A. auf Improvised Electronic Device.

Ein Streifzug durch die Geschichte von Front Line Assembly: Improvised Electronic Device vereint den Sound gleich mehrerer Etappen, fokussiert aber besonders auf den Zeitraum von 1992-1996. Komplex, dennoch eingängig in der Songführung und verstärkt mit Gitarren unterlegt.

Bündig die Songs, obgleich Rhys Fulber nur mäßig involviert war. Offensichtlich funktionierten F.L.A. nun immer besser als Einheit, das galt für die jungen Musiker ebenso, wie für einspringende alte Weggefährten. Selten klangen Front Line Assembly so mitreißend, die Band agierte recht nahe an dem starken Songwriting Mitte der 90er Jahre.

Front Line Assembly Promo

Front Line Assembly Promopic

Mit der vorausgehenden, fast klassisch anmutenden Hammersingle Shifting Through The Lens und dem rockigen Angriff landet die Band gleich zwei Szenehits, starke Konzerte folgten. Da war es wieder, das besondere Feeling in der Musik.

AirMech Soundtrack

Auf der Strecke zum kommenden Album überraschten F.L.A. im Herbst 2012 mit einem extrem stimmungsvollen und ausgetüftelten Soundtrack zum Browsergame AirMech.

Gemäßigte Dubstep-Impulse ergänzten die bekannte Fähigkeit von Bill Leeb, mühelos musikalisch dichte und stimmungsvolle, fast soundtrackartige Tracks zu schreiben.

Dieses Merkmal zieht sich tatsächlich durch fast alle Alben der Bandgeschichte. Sollte jemandem ein Indiz für immer noch reichlich vorhandene Kreativität fehlen, hier war er.

Front Line Assembly – die Zukunft heißt Echogenetic

Wir sind im vierten Jahrzehnt, in welchem die Band tätig ist. Und Front Line Assembly haben wieder etwas zu sagen.

Für Sommer 2013 kündigen die Musiker die Produktion eines neuen, komplett gitarrenfreien Albums an, das die Bissigkeit der alten Front Line Assembly mit der neusten Technik kombinieren soll. Bill Leeb zeigt sich aufgeregt wie selten.

Old school und modern, ein weiteres definierendes Statement der Veteranen?

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