Review: Techniques Berlin – ‚Breathing‘

Facebooktwittergoogle_plus
Breathing Cover

Das auf Rares spezialisierte Nadanna Label holt Techniques Berlin zurück und leitet somit ein Comeback eines fast vergessenes Projektes der 80er Jahre ein. Auf der neuen Doppel-LP Breathing wurde Altes aufgegriffen und Neues fabriziert – und zwar an einer musikalisch hochinteressanten Schnittstelle abseits der oftmals so absolut formulierten Kategorien Pop und Underground.

Techniques Berlin – Breathing

Der kanadische Act Techniques Berlin formierte sich zur New Wave Hochzeit im Jahre 1984 als ein Projekt der Kumpels Andreas Gregor und David Rout. Mit offenem Visier und noch mehr Neugier experimentierten die beiden jungen Männer mit Synthesizern, Gitarren und elektronischen Drums.

Typisch die Einflüsse der damaligen Zeit: New Romantic und Synthpop in Form von Japan, Spandau Ballet, Visage, The Human League, Orchestral Manoeuvres In The Dark, Yazoo und Depeche Mode. Dazu traten kanadische Impulse von Rational Youth und heimischer Popikonen wie Men Without Hats oder Trans-X. Popmusik war kein Feindbild, sondern Inspiration, das ist ein wichtiger Hintergrund, um den gewählten Ansatz zu verstehen.

Heraus kamen bis Ende der 80er Jahre drei Kassetten und ein Status als Geheimtipp, der live gerne untermauerte wurde. Der kommerzielle Durchbruch folgte allerdings nicht. Dave und Andreas orientierten sich neu. Sie wurden erst in den 90er Jahren mit Bang Elektronika bekannter und traten u.a. live mit Digital Poodle auf. Man agierter härter und electrolastiger.

Breathing – Musik zwischen Pop und Eigenwillen

Im ewigen musikalischen Kreislauf wird Altes gerne neu entdeckt, um Aktuelles zu befruchten. Das gilt derzeit u.a. für klassischen Minimal Wave. Und so fiel der Name Techniques Berlin immer mal wieder bei Kennern und interessierten Musikfans.

Nicht ohne Wirkung: In der Besetzung Andreas, Dave und Dina kommt im Jahre 2018 ein unerwartetes TB Comeback zustande: Es beinhaltet neues Material, unveröffentlichte Tracks und neue Versionen älterer Nummern.

Bandbild: Techniques Berlin 2018

Techniques Berlin Comeback 2018: copyright Laurie Sydorowicz

Hört man sich Breathing an, dann fällt zunächst die Konsistenz auf: Neue und alte Titel harmonieren ideal, alles wirkt wie aus einem Guss. Und genau das, was damals den Durchbruch verhinderte, markiert eigentlich eine immanente Grundqualität von Techniques Berlin.

Ihre Musik tönt zu alternativ, um als Pop durchzugehen und gleichzeitig zu poppig, um Underground darzustellen. Die flotten und meist sehr tanzbaren Titel bieten viel Minimal Wave Charme und scheuen nicht davor zurück, mit Italo Disco (Deep End, Miles Away) zu kokettieren.

Heraus kommen einfache, extrem tanzbare, sympathische und dezent verspielte Nummern. Sie versprühen neben einer gewissen Nostalgie eine unfassbare Leichtigkeit mit Qualität. Und zwar deshalb, weil sie trotz flotten Fußes nie ins Oberflächliche abgleiten.

Mal kühl und elegant (Cold War, Watching You), dann wieder antreibend und freudig (Beat Like A Machine, Just One Look, Chances) ebnet sich die elektronische Faszination ihren ursprünglichen Weg. Das Titelstück Breathing drückt dabei richtig aufs Tempo. Man steigt gerne bei diesem Flitzertrack zu. Bleep, Zack, Bumm – Speed.

Besonders die reduzierten und maschinellen Momente (Damage, Driving Force, Hollow Graphic Haze [Anspieltipp!] ) betonen den analogen Charakter der Musik und schaffen ein unmittelbares Laserdisco-Erlebnis.

Das Einfache und Schöne in der elektronischen Musik bewahren

Natürlich kommen – auch aufgrund des mitunter leicht wackligen und genau dadurch so passenden Gesangsstils – Erinnerungen an damals auf. Das Schöne gehört, gekonnt umgesetzt, einfach dazu. So laute die klare Botschaft, die mit eher schleppenden Nummern wie Burning Down, Sudden Guilt und Metropolis Dina Plus 4 mehrmals vermittelt wird.

Und so passt der Ansatz zwischen Pop und Underground auch in die heutige Zeit. Scheinbar ohne große Mühe bahnen sich tolle Melodien (Serendipity) ihren Weg. Und die kann man Szene unerfahrenen Freuden und Arbeitskollegen ebenso vorspielen wie jenen schrägen Typen, mit denen man so gerne über Musik fachsimpelt.

Und zum Ende erinnert Planet 21 gelungen an J. Carpenter, dessen Geist durchaus spürbar ist.

Fazit: Ein unbeschwertes, flottes und in vielen Phasen sehr stimmungsvolles Werk legen Techniques Berlin mit Breathing vor. Dessen teils unbedarfter Charme und die zugängliche Melodieführung erinnern daran, dass vieles im Leben einfach sein kann, um zu überzeugen. Genau zwischen Kommerz und Eigenwillen angesiedelt, punkten die Nummern an sich und teilen mit, dass potentiell Populäres nicht Gleichförmig sein muss. Schönes Comeback abseits rigide verteidigter Grenzen.

Wertung: 8.5 von 10 Punkten (8.5/10)

Breathing Release Infos

Interpret: Techniques Berlin
Label: Nadanna
Release: Februar 2018 – digitaler Download hier
Stil: Synthpop / Minimal / Italo Disco

Tracklisting:

A1 Deed End 4:27
A2 Cold War 5:04
A3 Serendipity 4:09
A4 Damage 5:02
A5 Burning Down 4:58
B1 Hollow Graphic Haze 3:04
B2 Driving Force 3:43
B3 Chances 4:33
B4 Breathing 3:59
B5 Salvation 6:35
C1 Picture Show 3:22
C2 Watching You 2:45
C3 Beats Like A Machine 4:07
C4 Where Have You Been 3:56
C5 Miles Away 5:54
D1 Just One Look 3:52
D2 Metropolis 4:51
D3 Pieces Of Glass 3:56
D4 Sudden Guilt 5:41
D5 Planet 21 3:52


Anzeige


Schreibe einen Kommentar zu:
Review: Techniques Berlin – ‚Breathing‘

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Achtung: Der Kommentar muss noch freigegeben werden.

  • Interview: Eli van Vegas

  • Klangwelt Archiv

  •  

    © 2008-2016 Klangwelt: Electronic Body Music (EBM) – Synthie Pop – Electro
    Theme "Klangwelt" designed by Klangwelt based on Theme 'Blue Fusion' by andrej