Review: Sleepwalk – ‘Tempus Vincit Omnia’

Sleepwalk Cover

Bereits der immense Umfang der neuen Sleepwalk Doppel-CD Tempus Vincit Omnia haut im wahrsten Sinne des Wortes rein. Schlag auf Schlag bietet die Formation aus der Schweiz zu ihrem 25-jährigen Bestehen kraftvolle bis komplexe Tracks, welche Essenz und Urwucht aus Dark Electro und EBM zu einem bedrohlichen Wesen vermischen.

Sleepwalk – Tempus Vincit Omnia

Die seit einem Vierteljahrhundert aktive Formation ist Szenegängern durchaus bekannt, auch wenn sie bis zum aktuellen Zeitpunkt nicht so oft das Cover führender Magazine schmückte.

Namentlich stehen Bruno Ruch & Andreas Lehmann hinter Sleepwalk. Zweitgenannter steuert seit geraumer Zeit als Nachfolger von Oliver Spring die Vocals bei.

Selbige betonen sehr souverän und leicht effektbesetzt den dunklen Charakter der Musik. Sie agieren aber deutlich abseits des nervigen Fauchens, welches vor einiger Zeit fast schon eine Seuche darstellte und nicht wenige Releases electrolastiger Formationen schlichtweg verunstaltete.

Herausfordernd gestaltet sich die Länge des Albums: Auch bei einer langen Schifffahrt läuft man ab und zu einen Hafen an, so schön der ausgiebige Trip auch sein mag. Und die ein oder andere Pause hilft beim neuen Sleepwalk Album ebenfalls, denn der Umfang der beiden CDs fordert den Hörer heraus.

Also – ruhig mal stoppen, durchatmen und die Wahrnehmungskapazitäten erneuern. Sonst entgehen einem die schönen und oft liebevoll gestalteten Details.

Durch den insgesamt vielschichtigen Charakter harmoniert die Länge des Albums mit seiner Tiefgründigkeit. Und genau diese Kombi strengt an und belohnt gleichzeitig.

Sleepwalk im aufregenden Fahrwasser aus Dark Electro und EBM

Auf Tempus Vincit Omnia bietet das Duo durchdachte Kompositionen, deren Drang nach vorne immer wieder spürbar ist. Musikalisch überzeugt die Mixtur aus klassischem Dark Electro und diversen kantigen EBM Rhythmen und Sequenzen durchweg. Dabei geht es einerseits stürmisch, dann wieder betont bedrohlich oder auch mal ruhig zu (Bastard).

Bei den treibenden Phasen lebt etwa Blood die pure EBM Essenz aus und spült Adern und Venen des geneigten Lauschers gnadenlos durch. Und wer hier frühe Leaether Strip (Torment Me) assoziiert, der fühlt einfach die immanente Kraft der selbstbewussten Nummer.

Und sie kommt wahrlich nicht alleine daher: Ghost Of Time oder das ebenso schnelle wie gesellschaftskritische #Fck Pplsm betonen die harte Linie des Albums und sparen dennoch nicht an immersiven Momenten. #Fck Pplsm mutiert im Verlauf zu einer kleinen Hymne. Eine Wendung, welche beim Start der Nummer nicht absehbar war – großartig.

Sleepwalk arbeiten im Laufe der Doppel-CD immer wieder Stimmungen aus und betten sie in passende Strukturen ein. Somit erlangen auch vertrackt-dunkle und szenische Nummern stets jene Kontur, die sie greifbar macht. Aus dem anfangs Ungewissen formt sich die akustische Erkenntnis.

Die Schweizer lassen den Hörer somit in ihre Welt eintauchen. Sie locken ihn in spannende Untiefen und Strömungen (Downfall), doch sie lassen ihre Klienten niemals hoffnungslos zurück.

Effiziente Melodieschübe setzen den Kurs

Es mag zunächst verwundern, einen Begriff wie Effizienz in einem Musikreview zu lesen. Doch dieser passt zu einer Eigenart von Sleepwalk, die auf dem 2017er Album immer wieder durchschimmert: Die oft pumpenden und bisweilen verschachtelten Nummern erlauben melodische Impulse – aber in dosierter Form.

Zu viel Melodie würde die Härte des Werks sowie die stimmungsvollen Sounds – und die damit gekoppelte szenische Faszination – verwässern. Sleepwalk agieren genau richtig und verpassen geeigneten Nummern abgestimmte melodische Momente, welche sie komplettieren und abrunden.

Und das ist nichts anderes als der effiziente Einsatz eingängiger Passagen in einem größeren und kontrastreichen Kontext. Mustergültig umgesetzt zum Beispiel im bereits erwähnten Ghost Of Time sowie in Dark City.

Beide Titel verbeißen sich im Hörer und kombinieren die Power der Body Musik mit dem düster-schönen Habitus des Dark Electros. Ohne zu übertreiben: Hier lauern aufgrund des souveränen Songwritings potentielle Szenehits.

Den Gegenentwurf zu den treibenden Songs bieten stimmungsvolle, hypnotische (Hypnotic) und musikalisch durchaus schleppend vorgetragene Szenerien (Carbon Ultimate, Angels). Und bei Robots lässt nicht nur der Titel an Kraftwerk denken, hier lauert ein Tribut. Gekonnt ist gekonnt.

Die musikalische Kreativität zum Jubiläum schlägt sich klangmäßig und in Hinblick auf die Kompositionen positiv nieder. Das Duo hat offenkundig viel Leidenschaft und Zeit investiert. Diese spezielle Form der Hingabe ist auf Tempus Vincit Omnia greifbar.

Und mit dem schleppenden Hall Of Heroes wagt man sich nach einem Suicide Commando nahen Intro sogar an eine ganz traditionelle und fast balladenhaft anmutende Songstruktur. Das Resultat tönt gleichsam erdig wie ergreifend.

Remixe und Aufgriffe schließen die lange Reise ab

Passend zum 25. Jahr des Bestehens greifen Sleepwalk mit Leaders in Front (2017) einen ihrer bekanntesten Tracks auf. Die Musiker spendieren ihm ein passendes und aktualisiertes Gewand, welches gleichermaßen zackig und verspielt schimmert.

Remixe auf den Releases von Electro Aggression Records sind fast nie bloßes Beiwerk, dazu hängt das Label seinen eigenen Anspruch schlichtweg zu hoch. Die zweite CD Addendum Est bietet daher angemessene Interpretationen von nahestehenden Acts wie Seven Trees, Pyrroline, No Sleep By The Machine oder Trilogy – um nur einige zu nennen.

Und diese Bands sind fast durchweg in der Lage, den Tracks spannende Momente und neue Perspektiven zu entlocken. Exemplarisch sei hier Conscience (Pyrroline Remix) genannt, eine Version, welche das Original tatsächlich transzendiert.

Fazit: Nicht nur aufgrund der Spielzeit, sondern vor allem mit seinen faszinierenden und wendungsreichen Inhalten hinterlässt Tempus Vincit Omnia einen sehr überzeugenden Eindruck. Sleepwalk schaffen es, oftmals treibenden und vergleichsweise strukturierten Dark Electro mit den Kanten der klassischen Body Music zu verbinden. Dabei sparen sie dennoch nicht an Überraschungen. In den ganz besonderen Momenten sorgen die melodischen Impulse für genau jene Faszination und Zeitlosigkeit, welche gut gemachte elektronische Musik einfach benötigt, um zu überdauern und sich im Gedächtnis der Musikfans festzusetzen.

Wertung: 9 von 10 Punkten (9/10) Klangwelt Musiktipp

Tempus Vincit Omnia’ Release Infos

Interpret: Sleepwalk
Label: Electro Aggression Records
Release: Dezember 2017
Stil: Dark Electro/EBM/Industrial

Tracklisting:
CD1
01. Tempus Vincit Omnia 2:59
02. Blood 3:24
03. #Fck Pplsm 3:55
04. Angels 4:53
05. LSD 4:19
06. Dark City (Old School) 4:22
07. Carbon Ultimate (Lyrics By – Axel Kleintjes) 5:55
08. Conscience 4:56
09. Robots 4:56
10. Degeneration 6:21
11. The Slaughter 6:04
12. Hypnotic 4:30
13. Downfall (Vocals – Oliver Spring) 4:43
14. Leaders In Front 2017 5:12
15. Hall Of Heroes 5:35
16. Ghost Of Time 5:12

CD 2
01. Carbon Ultimate (Seven Trees Remix) 4:14
02. Hypnotic (Terminal State Remix) 4:50
03. Conscience (Pyrroline Remix) 3:56
04. Dark City 5:02
05. Degeneration (KIFOTH Remix) 7:59
06. Blood (Atropine Vintage Mix) 4:20
07. Bastard 6:21
08. Angels (Satori Edit By Second Disease) 4:21
09. Carbon Ultimate (kFactor Remix) 5:30
10. #Fck Pplsm (No Sleep By The Machine Remix) 3:57
11. Embrace 5:42
12. Hypnotic (Tri-State Remix) 6:10
13. Blood (Trilogy Remix) 3:28
14. Conscience (Amorphous Remix) 5:13
15. Pulse Of Time 5:11


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