Review: Sturm Cafe – ‘Europa’

Sturm Café - EuropaDieses Album umgarnte schon vor dem Release ein gewisser Mythos, ewig angekündigt, aber lange Zeit in der kontinentalen Warteschleife. Mehr Gerücht als Fakt. Doch nun haben sich Sturm Café kräftig geschüttelt, ihre Tracks eingesammelt, das Ganze aufpoliert und siehe da, 10 Jahre nach So Seelisch; So Schön liegt mit Europa das zweite “richtige” Album vor, und das ist vieles, nur nicht Scheissnormal.

Sturm Café – Europa

Musikalische Zugpferde fabrizierten die Schweden nach ihrer kurzzeitigen Trennung 2010 reichlich: Doch diese galoppierten isoliert durch die Gegend.

Ob der eingängige Clubhit Der Löwe, das Kapitalismus-kritische und Italo Disco angehauchte Koka Kola Freiheit, der hämisch-stompende Mitsinger Scheissnormal oder der durchtriebene Meistermann, alle weideten in ihrem Revier, geschnaubt wurde aber nur für sich selbst.

Europa ist in diesem Sinne die Fläche, auf welcher sich diese musikalischen Wildfänge mit bereits dort grasenden Vierbeinen zu einer respektablen Herde verbinden.

Genug der hochtrabenden Vergleiche: Europa bündelt letztendlich die zweite Phase der Sturm Café Historie.

Jene Etappe, in welcher zu den pfeilschnellen Sequenzen DAFscher Provenienz poppige und melodische ausgefeilte Momente treten – ohne dass der freche und mitunter missverstandene provokante Grundcharakter stiften geht.

Natürlich profitiert das Album von der Ruhelosigkeit der letzten Jahre, denn die Hitdichte ist angesichts der oben genannten Titel nicht nur beachtlich, sondern einfach groß.

Überfälliges Album und Compilation in einem

Alle bisher verstreuten Einzelstücke wurden nochmals überarbeitet und klanglich verbessert, davon profitiert besonders der zudem neu eingesungene Meistermann.

Dieser ist, jetzt gut verständlich, ein Gesetzesübertreter und kein Gesetzesübeltäter – das als Seitenhieb für all jene, die sich gerade durch Stephen Kings Mr. Mercedes durcharbeiten.

Auf Europa wird spürbar, wie sehr sich Sturm Café ganz ohne “Gelaber” von außen weiterentwickelt haben; ein natürlicher Prozess, welcher die Fähigkeit dieser Band, einfache und bündige Songs mit speziellem Flair zu schreiben, betont.

Der ambivalente Blick abseits des Scheissnormalen

Bei allem Wortwitz und spöttischem Charme, der bei den (wie immer defekt schwedisch akzentuierten) deutschen Vocals mitschwingt, eine inhaltliche Ambivalenz beim Thema Europa ist nicht zu verleugnen.

Zuwendung, Kritik und Doppeldeutigkeit, das sind in diesem Kontext drei europäische Brüder mit nebulöser Vergangenheit. Vielschichtig, irritierend und auch widersprüchlich im Charakter.

Und so transportieren die Schweden auch düstere Themen, lassen sich eben nicht nur auf Klamauk reduzieren. Sie reichern ihre EBM/NDW/Synthpop-Mixtur mit Ersthaftigkeit und bisweilen sogar mit einem Schuss ungewohnter Melancholie an.

Europa in vielfältigen Tönen

Die bisher unbekannten Songs fügen sich nahtlos ein, typische Sturm Café Sequenzen konkurrieren mit kleinen, aber feinen – und mitunter ironischen – Melodien um die vergnügte Hörergunst.

Die Vielfalt wird bereits zu Beginn offenkundig: Stark, Schön Und Elegant kommt mit straighten Drumpattern und geiler 80s Basslinie daher, das darauf folgende 1632 tönt hingegen fast bedrückt-gruftig, thematisiert es doch den Dreißigjährigen Krieg.

Freunde der alten DAF jubilieren später bei Feuer und Eisen, aggressive und schleppende Monotonie in Reinkultur, gekonnt ist gekonnt. Etwas für die Schweiß & Stahl Fraktion.

Kaufkraft entlarvt sich übrigens als inhaltliche Fortsetzung von Koka Kola Freiheit: kaufen, kaufen, kaufen – Geld als einziger Lebensinhalt, das schwedische Duo kotzt das an. Europa vor dem Hirntod.

Doof? Mit Sicherheit nicht!

Fast plaudernd erzählt Ich Habe Eine Ansicht seine Geschichte, hier schimmern die ursprünglichen Sturm Café durch, tippen sich mit dem Zeigefinger an ihre sturen Quadratschädel. “Ich bin doof und so bist Du auch…” – darauf kann man sich einigen, oder?

Doof setzt auf schleppenden Beats und selbsthinterfragende Textpassagen und leitet das anfangs zähe Die Ende ein, welches im Refrain mächtig an Tempo zulegt und einfach mitreist. Also schnell einsteigen, bevor die Nummer ohne Dich abfährt.

Hervorzuheben ist das ebenfalls neu eingespielte Sicherheit, welches – passend zum Thema – trotz beschwingter Sounds vor Aggressivität nur so strotzt, dadurch sehr “oldschoolig” wirkt und das Zeug zum Klassiker mit dem Thema Überwachung hat. Genug der Worte: “Ich geht jetzt!”. OK.

Fazit: Nicht nur aufgrund der langen Vorgeschichte, auch als musikalisches Statement an sich funktioniert dieses klar strukturierte und doch frech schillernde Album – und zwar richtig. Viele Hits, aufpolierte Tracks und abwechslungsreiche neue Stücke ergeben – ganz ohne Übertreibung – eine eigenwillige und mitunter streitbare Perle, denn so wie Sturm Café klingen nur Sturm Café in der Inkarnation 2.0.

Wertung: 9 von 10 Punkten (9/10)Klangwelt Musiktipp

Europa Release Infos

Interpret: Sturm Café
Label: Record Union
Release: 16.03.2015
Stil: EBM

Tracklisting:
1. Europa
2. Stark, Schön und Elegant
3. 1632
4. Koka Kola Freiheit
5. Meistermann
6. Feuer und Eisen
7. Ich habe eine Ansicht
8. Sicherheit
9. Doof
10. Die Ende
11. Halt Auf
12. Scheissnormal
13. Kaufkraft
14. Der Löwe ist Zurück



 
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