Bandvorstellung: D.H.I. (Death & Horror Inc.) – kanadische Industrial Rock Pioniere

D.H.I - Death & Horror IncD.H.I. – nie gehört? Willkommen im Club, das geht wohl nicht wenigen Musikfans so. Gerecht war die Musikwelt noch nie, keine Klage, sondern Realität. Die Zeiten der Übersee-Formation Death & Horror Inc. sind lange vorbei, doch gute Musik ist zeitlos, man kann sie auch spät entdecken. Ein guter Moment, um diese in Kanada sehr geschätzte EBM & Industrial Rock Formation zu beleuchten.

Death & Horror Inc. aus Kanada

Toronto im Jahre 1987: Die Jugendfreunde Vicar und Graf begeistern sich für neue Sounds und Technologien: So fangen sie an, mit billigen Samplern, Synthesizern, einfachen Effektgeräten & Drum-Maschinen aus zweiter Hand zu experimentieren. Unbeschwert und voller Tatendrang.

Das Besondere: Vom Start weg war Vicars Gitarre und kraftvolle Stimme Teil des Ansatzes. Hey – damit waren D.H.I. eine der ersten Bands, welche die in den 80er Jahren so präsenten EBM- und Industrial-Strukturen mit rockigen Elementen anreicherten. Zunächst als verspielte Idee, aus welcher ein 4-Track-Demo entstand. Mit dem neu einsteigenden Musiker Max, ebenfalls ein Freund, nahm die Geschichte Fahrt auf. Der Soundfreak etablierte Sampling und perkussive Elemente, ein Schritt nach vorne.

Die erste Kassette Need And Ability und die später folgenden Label-Veröffentlichungen fanden durchaus Beachtung in der kanadischen Indie-Szene, doch sie schwappten kaum nach Europa herüber. Distribution und Promotion entpuppten sich abseits Kanadas als ein stetes Problem. Ein Ärgernis, denn der Sound aus Übersee (FLA, Skinny Puppy, Ministry, Schnitt 8, später KMFDM, viele Wax Trax Bands) schlug Ende der 80er bis Mitte der 90er Jahre in Europa richtig ein.

Das Publikum für facettenreiche Industrial-Musik war vorhanden, doch D.H.I. blieben einem eher kleinen Kreis vorbehalten. Immerhin spielten die Kanadier im Vorprogramm von Größen wie A Split Second, Front Line Assembly, den Young Gods und später Alien Sex Fiend. Leider stieg Tüftler Max frühzeitig durch einen gravierenden Ortswechsel aus, Nocturne übernahm Funktion und Platz.

Death & Horror Inc. vertonten den rauen und mutigen Spirit jener Tage, das zeigen die frühe Chemical Land EP und das daraus resultierende Klassiker-Album Machine Altar Transmission in herausragender Weise. Als eine der ersten Bands schafften es die Musiker, Gitarren sinnvoll in den Industrial- bzw. EBM-Kontext einzubauen. Ihr Einsatz passte einfach, er wirkt nativ und nicht verkrampft. Erst im Nachhinein wird klar, wie durchdacht, gekonnt “old school” und gleichzeitig mutig die Frühphase der Band ausfällt. Chemical Land & New Vision stellen Klassiker dar.

Videos: Chemical Land & New Vision

Es tummelte sich wahrlich alles in ihrer Musik: Die frühe NEP-Sequencer-Brutalität, die hart-wütenden Vocals, der rebellische Ministry-Attitüde – Death & Horror Inc. hatten den “Wax Trax Sound” früh im Blut.

Ihre stärksten Momente zelebrierte die Formation immer dann, wenn die kraftvollen Tracks gleichzeitig etwas Dystopisches und Unheilvolles ausstrahlten. Pure, bisweilen alptraumhafte Underground-Essenz, davon zeugen die obigen Videos jener Tage.

Wandel auf Pressures Collide: D.H.I. Mitte der 90er

Irgendwann Mitte der 90er galt Crossover als das Ding abseits vom allgegenwärtigen Techno. Ein Trend, welcher die Band nicht unbeeinflusst ließ. So rückten die Gitarren auf dem im Jahre 94 eingespielten Album Pressures Collide verstärkt in den Vordergrund. Bereits im Zuge der 93er EP Bitter Alloys stieg Mike “Speed” Gibbs ein. Er verstärkte D.H.I mit Gitarre, Bass und Background-Vocals.

Pain And Courage verdeutlicht das modifizierte Konzept exemplarisch. Im Gegensatz zu einigen – durchaus bekannten Kollegen – entging man aber der rockigen Soundtrivialisierung unter dem kommerziellen Crossover-Etikett. D.H.I. agierten zwar nicht mehr ganz so differenziert im Gesamtbild, aber ihr Klang war immer noch eine Wucht. Das Risiko kritischer Rezeptionen nahm man dabei selbstbewusst in Kauf.

Resonanz und Spannungen

Hörbar öffnete man sich in der Folgezeit Funk und Techno. Das sorgte für Aufmerksamkeit, einige Medien stellten Death & Horror Inc. nun in einen bedeutsamen Kontext. Ein großes kanadisches Magazin titelte beispielsweise:

Canada’s Industrial Pioneers: Skinny Puppy, Front Line Assembly, Download, Numb, Malhavoc, DHI

Und endlich kam auch in Europa ein Plattendeal zustande: Kk Records signte die Band für drei Jahre. Doch gleichzeitig ging trotz zunehmender Bekanntheit ihre Grundidee nebst Orientierung verloren. Dieser Prozess schlug sich in verstärkten internen Spannungen nieder. Der kreative Fluss stockte.

Das haben Death & Horror Inc. mit vielen Bands, die zu sehr mit dem Rock flirteten und ihre verbindende Vision verloren haben, gemein.

Nebenprojekt, Funkstille und späte Releases im Jahre 2008

Die neuen Ideen, nicht nur im Klang, sondern ebenfalls in der Songstruktur, ließen sich immer weniger mit den ursprünglichen D.H.I. in Einklang bringen. Die verbliebenen Musiker benötigten Freiheit für ihre (verstärkt instrumentalen) Ideen. Sie gründeten das Nebenprojekt Transformantra, spielten aber gleichzeitig noch einige, oftmals nicht veröffentlichte und recht typische D.H.I-Nummern ein. Das vorläufige Ende der so talentierten Formation.

Im Jahre 2008 belebte die Band anlässlich des 21. Geburtstages das Projekt; frisch überarbeitet wurde der komplette Katalog neu veröffentlicht. Rare Aufnahmen, exklusives Livematerial und einige bis dato unveröffentlichte Titel traten auf den Expanded Versions früher Releases hinzu.

Zudem erschien die Emotional Lockout EP, das erste offizielle Release seit einer Dekade, welches die Band selbst digital vertrieb. Neben der Liveversion vom Klassiker Chemical Land überzeugte dabei besonders Into The Either. Eine Collage, dessen unheimliche Schönheit mit atonal-bedrohlichen Passagen konkurriert. Bis jetzt das letzte Lebenszeichen.

D.H.I. Links

zur D.H.I. Homepage



 
(Anzeige)

"

Deine Meinung – antworte mit einem Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.