Review: Front Line Assembly – ‘Wake Up The Coma’

Wake Up The Coma CoverDiskussionen antriggern – genau das werden Front Line Assembly mit Wake Up The Coma ganz sicher erreichen. Und sie kitzeln ihre (langjährigen) Hörer mit strategischem Geschick an mehreren Stellen: Unorthodoxe Kooperationen, welche Erwartungen kaltschnäuzig negieren, stehen in Konkurrenz zu den modernisierten FLA-Trademarks. Eine Herausforderung, deren Antwort erst nach ein paar Durchgängen aus dem Dunkel tritt.

Front Line Assembly – Wake Up The Coma

Eye On You mit Gastmusiker Robert Görl (DAF) kam im Vorfeld nicht nur sehr szenisch daher, es brodelte in seiner ungewöhnlichen Eigenlogik und Struktur nach taktischen Pausen gefährlich auf. Den Missbrauch moderner Technik bekämpft FLA virtuos mit eben dieser. Ein kleiner Epos der Gegenwart mit warnenden, fast prophetischen Zügen – und unheimlichen Nachklang. EBM derart intelligenter Machart geht in die Beine, dabei spult sie im Kopf des Hörers Bilder in schneller Sequenz ab. OK, man war bereit für Wake Up The Coma.

Und dann stolperte zum Release das Falco-Cover Amadeus mit Gastsänger Jimmy Urine und merkwürdigem Clip herein. Nahe am Original agierend, recht brav intoniert, technisch souverän aufpoliert, aber bar jeder Pointe zollt Bill Leeb seiner Herkunft – und einem zweifelsohne großen Interpreten – Tribut. Kann man mögen, muss man aber nicht. So rauschten die Reaktionen in zwei komplett verschiedene Richtungen ab.

Strategie und Kommunikation

Strategisch macht diese unerwartete Happy Hour durchaus Sinn, denn jede Folgekommunikation – und derer sind es viele – pusht die Band. Von der so gerne beschworenen Metaebene aus sieht man Leeb und seine Bande lausbübisch grinsen. Knopf gedrückt, Verhalten wie erwartet? MfG, Eure Pawlowschen Dauerdiskutierer.

Wer angesichts der eher flauen Nummer gleich das Ende von FLA ausruft, kennt sich mit Hysterie hervorragend, mit FLA aber weniger aus. Natürlich kommt da noch was, aber nicht sofort. Denn eine Frage, die jeden Fan und viele Interessierte mitunter bewegt: Sollten die Tracks mit den oft dominierend in Szene gesetzten Gastsängern unter dem Label FLA erscheinen?

Da lässt sich durchaus hitzig streiten. Wer solange die Musiklandschaft geprägt hat, kann sich das vermutlich leisten. Das Titelstück bietet immerhin eine runde Nummer, die eben besonders Freunde der Stimme von Nick Holmes (Paradise Lost) anlockt. Die Musik flankiert ihn.

Auch wenn die Offenbarung sich bei den Kooperationen teilweise in Grenzen hält, sollte man Chris Conellys Gesangsleistung in Spitting Wind würdigen: Viel Emotion und hohe Töne, die man ihm gar nicht zugetraut hätte, prägen das Finale. Expressiver hätte man die experimentellen und phasenweise monumentalen Arrangements von Front Line Assembly gar nicht interpretieren können.

Der traditionell eigenwillige Schlusssong jedes Werks von FLA, dessen Refrain David Bowie sicher auch gereizt hätte, geht straight als Kunst durch. Respekt.

Die Stärken von Wake Up The Coma: modernisierte FLA Trademarks

Zum Kern des Albums: Was Front Line Assembly hervorragend gelingt, das ist der Transfer ihrer klassischen Trademarks in die Gegenwart.

Nachdem Tilt eine letzte explizite Dubstep-Referenz und den Handschlag mit Echogenetic leistet, tritt der musikalische Impuls von Rhys Fulber in den Vordergrund: Es wird technoider. Teilweise agiert die Band so gradlinig wie in besten TNI Zeiten – angereichert mit genau passenden IDM Elementen und frostigen Technosounds. Noch fit in den Beinen? Na hoffentlich!

Häufig im Midtempo-Bereich angesiedelt, aber dafür gekonnt wuchtig spielen Front Line Assembly ihre Trademarks aus. Neuartige Sounds und Bässe brodeln gefährlich im Hintergrund (Mesmerized), Antrieb, Zwischenspiel und plötzliche Wendungen dynamisieren den Sound.

FLA brillieren mit ebenso packenden wie griffigen Refrains, Hatevol und Structures erinnern dadurch an beste Zeiten. Man hievt die alten Fans so kraftvoll an Bord, wie man einen Schiffbrüchigen ohne Diskussion aus dem Nass zieht. Kühl und düster prägen sich die Tracks ein, oft das Gefühl einer Warnung auslösend.

Besonders sticht Proximity hervor: Aus einer dichten Grundstimmung, wie sie die Band oftmals zwischen 1990 und 1996 heraufbeschwor, entfesselt der Refrain Tempo und verletzliche Faszination. Pure FLA Essenz modernster Prägung, kraftvoll und sensibel gleichermaßen. Stark.

Alte Haudegen schwitzen bei der Arbeit gerne. Der gleichnamige und so kantige Track speist sich aus dem alten Vorwärtsdrang und der neu entfachten Wut über das Gegenwärtige. Einige Caustic Grip Reminiszenzen schwingen in der Strophe mit, bis der ausufernde Refrain ein hymnisches Momentum entfacht. Das Epische, vorgetragen von Leebs Robovoice, gehört dazu. Ebenfalls stark.

Clubstoff – zitiert und interpretiert

Zum Schluss geht es um Living A Lie – eine Nummer, welche Gesichter entweder entgleisen oder verschmitzt grinsen lässt. Klar, ganz deutlich spielen Front Line Assembly mit häufig zitierten Aspekten der Clubkultur. Der Bass gemahnt nicht nur ein bisschen an Hocico.

Doch die Transformation zur puren Hellectro-Nummer streben die Musiker gar nicht an; Vocals und Songstruktur bilden die eingängigen FLA ab. Gefällig, nicht so derbe ernst und erneut mit gelungenen Wendungen im Verlauf. So summt man schnell mit, ein expliziter Clubsmasher, welcher auch sehr jungen Szenegängern gut ins Ohr geht.

Das Spiel mit Trends ist ja nicht neu, schon Plasticity stieß mit der technoiden Inszenierung 1996 einige Hörer anfangs vor den Kopf. Heute gilt es als Klassiker. Was für eine Einschätzung dem Front Line Assembly Album 2019 wohl in 20 Jahren blüht?

Fazit: An einigen Stellen lädt das Album zur Kontroverse ein. Doch selbst wenn man nicht jede Regung oder alle Experimente positiv akzentuiert, so überzeugen die bedrohlich ausgearbeiteten Midtempo-Tracks besonders. Sie verorten FLA in der Gegenwart – und zwar mit dem, was die Band schon so lange kennzeichnet: Intelligenz, die Fähigkeit zur komplexen melodischen Gestalt sowie die recht düstere elektronische Wucht. Wake Up The Coma bietet auf langen Strecken etwas für alte und angesichts frischer Sounds zeitgleich einen Zugang für neue Fans. Und das ist eben nicht selbstverständlich für eine derart verdiente Formation. Kein Bonus für das Falco-Cover, aber Pluspunkte für Nummern wie Hatevol, Structures, Arbeit, Proximity und das dystopische Eye On You.

Wertung: 8.5 von 10 Punkten (8.5/10)

Wake Up The Coma Release Infos

Interpret: Front Line Assembly
Release: Februar 2019
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Stil: EBM/Electro

Tracklisting:
01. Eye On You (ft. Robert Görl)
02. Arbeit
03. Rock Me Amadeus (ft. Jimmy Urine)
04. Tilt
05. Hatevol
06. Proximity
07. Living A Lie
08. Wake Up The Coma (ft. Nick Holmes)
09. Mesmerized
10. Negative Territory
11. Structures
12. Spitting Wind (ft. Chris Connelly)

Persönliche Anmerkung zum Ende: Gewidmet ist das Review dem jüngst und viel zu früh verstorbenen langjährigen Freund und Wegbegleiter Thomas H. – Alter, Du fehlst!



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