Review: Armageddon Dildos – Dystopia

Armageddon Dildos: DystopiaEs ist durchaus eine Krux mit den Armageddon Dildos: Vor 25–30 Jahren waren sie ein heißes Eisen im EBM-Feuer, geschätzt für Stringenz, Power und gute Stimmung – stets gepaart mit der immanenten Herzlichkeit, die Sänger Uwe Kanka so ausstrahlt. Aktuelle Werke daran zu messen, das bedeutete stets, einen gewissen Schmerz der Vergänglichkeit ertragen zu müssen. Schnell griff man reflexartig zu den Klassikern. Mit Dystopia nimmt die namhafte Formation im Jahre 2020 einen neuen Anlauf.

Armageddon Dildos – Dystopia

In der Region rundum Kassel/Frankfurt waren die Armageddon Dildos – gegründet von Uwe Kanka (Gesang) und Dirk Krause (Synthesizer) 1988 in Kassel – nicht nur Lokalhelden, sondern zu Beginn der 90er Jahre gleichzeitig omnipräsent. Zahllose geile Konzerte mit ritualisierter Bühneneroberung sind im Gedächtnis, voller Einsatz und herzliche Umarmungen der pogenden Meute von Uwe Kanka ebenso. Die Band betonte den Spaß in der harten EBM-Szene, äußerte sich stets verantwortungsvoll und bedacht – das ist durchaus ein Verdienst.

Als junger Bursche hatte man zu Zeiten von That´s Armageddon und Homicidal Dolls mit den AD ebenso Freude wie starke Momente, zumal Uwe Kanka auch richtig gut singen konnte (The White Room). Mit Lost verlor sich die Band in der wandelnden Musiklandschaft Mitte der 90er Jahre allerdings tatsächlich, änderte Stil und Image drastisch.

Immerhin schafften es die Musiker, in Form des Songs Unite einen der wirklich gelungensten Crossover-Tracks jener Tage zu fabrizieren. Der Rest war wenig von dem, was man mochte – der Output wurde random. Die Dildos waren nur noch eine Crossover-Formation von so vielen.

Folgealben wie Speed boten nette Ansätze, nicht mehr. Letztendlich war fast jeder in wandelnden Zeiten froh, live möglichst wenig Aktuelles, sondern die Klassiker und nimmermüden Szenehits Resist, East West, Never Mind und Homocidal Maniac zu hören. Jene prägenden Nummern, bei denen die Hessen nicht nur am Zahn der Zeit, sondern stets “on fire” waren. Bis heute unerreicht. Für eine Band ist so ein Zustand natürlich wenig zufriedenstellend.

Letztendlich war mit dem diffusen Werk Morgengrauen für nicht wenige Fans der Ofen aus. Neue Acts wie Spetsnaz und Jäger 90 boten jenen Sound, der vermisst wurde. Ab und an spielten die Armageddon Dildos in den Folgejahren noch live, erinnerten beim Vortrag mitunter an ihre alten, so positiven Trademarks, es waren sehr kurze Momente. Soviel zur gerafften Vergangenheit, zu Verdienst, Respekt und Lowphasen.

Dystopia als Chance

Promobild: Uwe Kanka 2020

Wieder aktiv: Frontmann und Mastermind Uwe Kanka wagt am 31.08.2020 ein neues Armageddon Dildos Album.

Nun ein neuer Anlauf Ende August 2020: Unterstützt von den Studiospezialisten und alten Freunden Mathias Black und Sven Mouhcine nimmt Sänger Uwe Kanka – der Titel Dystopia zeigt es klar an – eine sehr sozialkritische Perspektive ein. Zackige oldschool-Sequenzen und ein auffällig melodischer Refrain prägen etwa Dance On Dead Bodies, legen das Fundament für anklagende Inhalte.

Der agile Frontmann protestiert laut und ohne Hemmung gegen die generelle Dystopie unserer Welt, sozialpolitische Probleme und dort im Speziellen gegen Intoleranz, Missbrauch, Desinformation und Egoismus. Es sind Dinge, die den Musiker mit Blick auf Gegenwart die Zukunft beschäftigen. Insofern bietet das neue Album Zugang zur Innenwelt des Künstlers.

Musikalisch gestaltet sich das Werk einerseits konsequent elektronisch – und doch etwas uneinheitlich. Das liegt schlichtweg daran, dass hier unterschiedliche musikalische Facetten beziehungsweise Entwicklungslinien der letzten Jahrzehnte ihren Niederschlag finden.

Für alte Follower der Band – und diese Perspektive wird hier eingenommen – tut sich dabei durchaus Erfreuliches hervor. Auch wenn es ebenso naiv wie unrealistisch erscheint, dass sich die Armageddon Dildos auf dem gesamten Album explizit an ihrer starken Startphase orientieren, so docken doch einige Nummern eben daran an.

Zahlreiche musikalische Perspektiven mit unterschiedlichen Wirkungen

Klartext: Der Titeltrack Dystopia, das peppig-griffige Night People sowie Dirty Man bieten den gelungenen Aufgriff des Ursprünglichen, wenn auch nicht so “on point” produziert wie Anfang der 90er. Es sind die wohl besten Nummern der Band seit Jahrzehnten, gehen mittels Bass, Rhythmus und Shouts/Gesang durch Mark und Bein. Da sind sie wieder, die energiegeladenen Hooks voller Melodie. Hey, wie lange habt Ihr nicht mehr so frisch und straight – so pur – geklungen?

Einen durchaus gelungenen Gegenpol bieten jene Momente, welche sich – fast etwas zu nostalgisch – am 80er Pop (Neon) orientieren. Nach wie irritierend wirken hingegen Anleihen aus der NDH (Kaltes Herz). Sie tönen stets etwas deplatziert, gestelzt bis altbacken. Witt kann das vielleicht, beim Rest wird´s schnell skurril. Bei aller Zuneigung: Skip.

Ansonsten bedient sich die Band munter vieler (Dark-) Electro-Einfüsse der letzten Jahrzehnte. So klingt Dystopia mal smooth bis clubbig, mal beliebig, dann wieder fokussiert. Etwa beim gelungenen Versuch, mit dem stampfenden Electro-EBM-Hybrid Burn Baby Burn die Hörgewohnheiten jüngere Clubgänger zu tangieren.

Der beste Titel des Albums ist allerdings Destruction – hier geht die Power und Songidee unter die Haut. Mit seinen rapide hackenden Bässen Marke Clock DVA provoziert die Nummer Strobo-Dauerfeuer (derzeit aufgrund der Regelungen ohne Gäste), bietet zudem dezente Harmonien, peitschende Shouts sowie geschickt effektbesetzte Gesangspassagen. Destruction sitzt und funktioniert, holt die so lange schlummernde Energie der Armageddon Dildos hervor.

Fazit: Auch wenn Dystopia am Stück – als Gesamtwerk – spürbare Lücken aufweist, so schaffen es die Dildos doch nach langer Zeit mal wieder, ihre Hörer richtig am Schopf zu packen: Dystopia, Night People, Dance On Dead Bodies oder das druckvolle Destruction funktionieren für sich richtig gut, bringen Energie und Fokus auf den Punkt. Diese Highlights lassen alte (und hoffentlich auch junge) EBM-Herzen schneller schlagen. Den persönlichen Respekt hatte die Band eh immer, jetzt tritt wieder – parallel zur erwähnten Kritik an einigen beliebigen Momenten und deplatzierten NDH-Einflüssen – der freudige Blick auf das ein oder andere neue Stück hinzu.

Wertung: 7 von 10 Punkten (7/10)

Dystopia Release Infos

Interpret: Armageddon Dildos
Label: Alfa Matrix
Release: August 2020
Stil: Electro

Tracklisting:
01. Burn Baby burn
02. Dystopia
03. Heut Nacht
04. Destruction
05. Stay
06. Dirty Man
07. Ohne Dich
08. Neon
09. Kaltes Herz
10. Dance on dead Bodies
11. Night People
12. High up in the Sky
13. Dystopia (club mix)



 
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