Review: Erasure – ‘Snow Globe’

ERasure - 2013er Album Snow GlobeOb ein Weihnachtsalbum namens Snow Globe von Erasure das ist, worauf man gewartet hat, muss wohl jeder Musikfan nach einigen Durchgängen für sich selbst beantworten. Bei allem Zweifel zeigt sich hingegen, dass Erasure alte Poptugenden ausgraben und ihren in den letzten Jahren eingeschlagenen Kurs korrigieren.

Erasure – Snow Globe

Weihnachtslieder sind eine gewagte Thematik. Manchen Mitmenschen hängt das Fest Wochen vorher bereits zum Hals raus, anderen kann es gar nicht festlich genug sein.

Dem Ganzen haftet etwas Kitschiges an. Das verdiente Synthie-Duo Clarke/Bell scheut bekannterweise zudem vor reichlich Zuckerguss in seinen Titeln nicht zurück.

Große Gefahr, dass sich der malträtierte Zahnschmelz bei dieser drohenden Mixtur freiwillig von den Zähnen pellt?

Sicher – und doch nicht ganz: Zwar bietet Snow Globe viele Weihnachtslieder bzw. deren Neuinterpetation, doch abgesehen von den sehr seichten Silent Night und White Christmas verpassen Erasure nicht wenigen Titeln einen dezent bitteren Unterton, der durch sparsam verwendete Sounds passend ummantelt wird (Sleep Quietly).

Untertöne

Das mag zunächst nicht so spektakulär klingen, aber ein unterschwelliger Pfiff, eine mitschwingende Bösartigkeit macht diese Weihnachtsmusik dann doch interessant, rückt neue Perspektiven und Stimmungen ins Hörfeld.

Nicht alles heile Welt, oder? Blut im Schnee (Blood On The Snow) und irgendwie wirkt die feierliche Szenerie bisweilen unbehaglich: Wer verbirgt sich eigentlich hinter diesem Bart? Akustische Ambivalenz.

Auffällig und zudem überraschend kommt auf Snow Globe die neu entdeckte musikalische Sparsamkeit bei Erasure daher.

Das Vorgängerwerk Tomorrows World tönte so überladen und konturlos, dass man der Band diesen Schritt “back to the roots” kaum zugetraut hätte.

Es ist das wieder entdeckte fluffig-lockere Synthiespiel, welches daran erinnert, dass Erasure vor langer Zeit eine der stärksten Synthie Pop Bands waren.

Ein Stück (gewollter?) Kontinuität, denn Weihnachtsideen griffen Clarke/Bell bereits Ende der 80er Jahre auf ihrer sehr gelungenen Crackers International EP mit dem Hit Stop! auf.

Gekonnter Kitsch und überraschende neue Erasure-Songs

Dementsprechend nimmt man diese Renaissance wohlwollend zu Kenntnis und kommt so (hoffentlich) über die etwas zu kitschigen Stellen des Albums hinweg. Denen stehen nämlich auch Überraschungen gegenüber.

Anspruchsvoll und künstlerisch endlich mal wieder ambitioniert ertönt die lateinisch vorgetragene Single Gaudete. Ein mittelalterliches und eingängiges Lied aus Lateinamerika, in dem Sänger Andy Bell seine glasklare Stimme zu Höchstleistungen treibt.

Eine Nummer, die ob ihres genau richtig dosierten Pathos vermutlich in Teilen der Schwarzen Szene mehr Resonanz generieren wird, als in der “normalen” Popkultur.

Ihr Charakter versprüht dennoch Hitpotenzial. Die wohl beste Single seit Breathe und in der Umsetzung ebenso tanzbar, wie auf das Nötigste reduziert. Das ist bekanntlich das Schwierigste.

Ausreißer und ein Hinhörer

Zwischendrin drücken Erasure auf das Tempo, entreißen den Hörer aus drohender Zuckerschock-Lethargie: There´ll be No Tomorrow ist einfach ein treibender, auf den Punkt gebrachter Discotitel.

Der Sound scheint Chorus-Phase gar nicht unähnlich zu sein, auch wenn nicht ganz deren Qualität erreicht wird.

Den Höhepunkt des Albums markiert die ebenfalls neue Eigenkomposition Make It Wonderful. Die Nummer eint so vieles, was das Duo Mitte der 80er bis Mitte der 90er Jahre so auszeichnete.

Starker, mit viel Ausdruck vorgetragener Gesang und eine einfache, aber stimmige Melodie, die wie selbstverständlich hängen bleibt.

Erasure bieten hier einfach gute Popmusik, aber eben nicht zu fröhlich oder belanglos. Sollte die Band nochmals an alte Qualität anknüpfen können, dann sicher mit solchen Titeln.

Fazit: Trotz einiger schwächerer Titel und weihnachtlicher Richtungsvorgabe kehrt mit Snow Globe streckenweise etwas Urtypisches in den Clarke/Bell-Sound zurück. Die mittlere Punktwertung sollte niemanden davon abhalten, gezielt in einige Titel hinein zu hören, denn hier ertönt ein Lebenszeichen von Erasure.

Wertung: 6.5 von 10 Punkten (6.5/10)

Snow Globe Release Infos

Interpret: Erasure
Label: Mute
Release: 11.11.2013
Stil: Synthie Pop / Weihnachtsmusik

Tracklisting:

  1. Bells Of Love (Isabelle’s of Love)
  2. Gaudete
  3. Make It Wonderful
  4. Sleep Quietly
  5. Silent Night
  6. Loving Man
  7. The Christmas Song
  8. Bleak Midwinter
  9. Blood On The Snow
  10. There’ll Be No Tomorrow
  11. Midnight Clear
  12. White Christmas
  13. Silver Bells


 
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2 thoughts on “Review: Erasure – ‘Snow Globe’”

  1. Schon erstaunlich, wie unterschiedlich man so ein Album wahrnehmen kann. Von “mitschwingender Bösartigkeit” kam bei mir nichts an. Ich habe das eher als Sehnsucht nach Glück und Heilung wahrgenommen. Also ja: Bittere Töne schwingen mit – nur bösartig würde ich das nicht nennen. ;-)

    Schade ist, dass Snow Globe in Deutschland nur sehr schwer seine Hörer findet. Selbst geschenkt scheinen nur sehr sehr wenige die CD haben zu wollen. Wir haben auf unserem Blog ein Gewinnspiel, das oft angeklickt wird, nur teilgenommwn haben doch nur sehr wenige.

    In jedem Fall ist Snow Globe für deutsche Verhältnisse viel zu früh veröffentlicht worden. Weihnachtsmusik wird hierzulande vor dem ersten Advent eher als Belästigung empfunden während in den USA schon der Oktober von Weihnachtsalben dominiert wird.

    Mir hat Snow Globe sehr gut gefallen und ich hätte mir mehr Erfolg für Erasure gewünscht.

    1. klangwelt sagt:

      Danke für die Einschätzung. Vermutlich ist schon das Label “Weihnachtsmusik” hierzulande für viele mit einem beachtlichen Würgereflex verbunden. Angesichts der jährlichen Last Christmas-Zumüllung (und der völligen Überfrachtung) auch verständlich. Dass Erasure nicht so an den Erfolg von früher anknüpfen können, liegt imho an der veränderten Zeit und auch den vielen recht schwachen Releases seit Mitte der 90er Jahre. Dass Werk ist zudem ja noch neu, muss man in Ruhe schauen, wie das Feedback sich so entwickelt.

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