Review: Amnistia – ‘Black Halo’

Black HaloDüster und gefährlich ist diese Welt geworden. Ihre Beobachtungen und Interpretationen des Gegenwärtigen übertragen Amnistia in ihr bereits sechstes Album Black Halo. Dieses vermittelt keinen getrübten, aber doch einen sehr finsteren bis skeptischen Blick. Eben diese Perspektive schärfen Amnistia mit differenzierten Arrangements, flinken Wendungen und eingearbeiteten Härten, welche das Gewohnte im Dark Electro transzendieren. Oftmals sogar in epischer Manier.

Amnistia – Black Halo

Zunächst begegnet die Band in ihren Presseinformationen der häufig gestellten Frage, was der Bandname konkret aussagt: “Der Name Amnistia ist sowohl Programm als auch Philosophie, bedeutet er doch in vielen Sprachen Begnadigung/Freispruch. Amnistia ist der Freispruch von der eigenen Trägheit und Untätigkeit, der Freiraum für Kreativität, Ventil und Werk und letztlich das Klang gewordene Urteil seiner Köpfe.”

Die Formation selbst hat sich in letzter Zeit gewandelt: Mit dem Ausstieg von Jan Moritz reduziert sich die Besetzung auf das Duo Stefan Schœtz und Tino Claus. Gleichzeitig ändert sich der Vertriebsweg; Black Halo erscheint bei 9XO Media, dem eigenen Label.

Ausgearbeitete Dark Electro Kompositionen mit immersiven Charakter und immanenter Härte, diese anspruchsvolle Kombination markiert einen unverwüstlichen Eckpfeiler der Musik. Vom Start weg nannten Amnistia ihren Sound Body Wave, die Wortschöpfung formuliert sehr treffend die angestrebte Fusion aus intelligentem Songdesign, Stimmung und Härte.

Intelligenter Body Wave im ausklingenden Jahrzehnt

Auf Black Halo schöpfen Amnistia den reichhaltigen Fundus an Inspiration und Erfahrung kräftig ab. Ihre extrem vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten lassen sich nach dem Intro Ini7 kaum bändigen. Einige unheilvolle Tracks unterscheiden sich nicht nur deutlich voneinander, selbst innerhalb eines Titel variieren Charakter, Dynamik und Tempo mehrfach deutlich.

The Itch mutiert etwa von einer straight-düsteren Nummer zu einem nahe am Industrial Rock angesiedelten Inferno epischen Ausmaßes. Die Kunst, diesen Prozess dennoch fließend zu gestalten, können Amnistia ihr eigen nennen, denn sie wiederholen ihn im dystopischen, anfangs triballastigen Clubkracher The Haunted scheinbar mühelos.

Stetig reichern die Musiker ihre Tracks mit passendes Stimmsamples an, welche sich ebenso souverän wie nativ einfügen. Sensibel implementiert schimmern gekonnte Skinny Puppy Anleihen durch: etwa in Form der Handclaps im griffigen Package Of Regrets oder ganz deutlich beim Titeltrack Black Halo. Skinny Puppy wären für diese – sich stetig steigernde – komplexe Nummer mit Eigensinn und Eigenlogik vermutlich gefeiert worden.

Zwischen Tradition, Vielfalt und Individualität

Die Musiker klingen insgesamt dynamischer als vergleichbare Dark Electro Bands. Dabei lassen sie ihre Hörer nicht alleine in der beschworenen Stimmung zurück, sondern takten diese gerne (Through The Night) mit der präsenten Rhythmik, das bietet Halt und Orientierung.

Song übergreifend überzeugt die auffällige Vielfalt ausgewählter Klänge, sei es ein fülliger Synthbass oder wavige Pads. Einige Sounds und Designs gemahnen an die Vorbilder aus den 80er und 90er Jahren (Last Purify oder das schleppende Suffer), andere stammen aus dem Hier und Jetzt. Sie stehen nicht in Konkurrenz, sondern schaffen gemeinsam etwas Großes.

Bandbild: Amnistia 2019

Das Duo Amnistia im Jahre 2019

Amnistia vertonen den Niedergang ästhetisch

Dieser hybride Charakter legt das Fundament, auf dem die intelligenten Kompositionen fußen. Dabei leisten sich Amnistia wirklich gar keinen Aussetzer, vielmehr steigert das Duo seine akustische Intensität mit einem Chorus wie in Crowds Cheer Verdict in ungeahnte Ausmaße.

Kennt Ihr noch Cinder Child von Dementia Simplex? Die Gänsehaut stellt sich hier ähnlich schnell auf, brrr. Den inhaltlich thematisierten Niedergang der Welt rückt ein solcher Moment fast in einen ästhetischen Kontext – der Reiz des Verfalls.

Wer etwas Anmut und Eleganz sucht, findet selbst diese Facette auf dem Album – In Between vermittelt beides, dunkel angestrichen natürlich. Der folgende Abgang fällt ebenso experimentell wie unheimlich aus, das signalisiert bereits der morbide Songtitel We Do Not Disturb Our Dead. Name ist Programm.

Fazit: Erneut lösen Amnistia ihren ambitionierten Anspruch ein, sie halten und übertreffen phasenweise das Niveau der gelungenen Vorgängerwerke. Intelligentes kann problemlos hart und Hartes gekonnt differenziert vertont werden. Genau das zeigt Black Halo in seiner furchtlosen Machart. Amnistia sichern sich eine attraktive Nische im düster-elektronischen Sound und punkten mit auffällig vielen epischen Momenten. Dadurch verankert das geschrumpfte Duo seinen kantig-facettenreichen Dark Electro – inhaltlich den Finger in die sozialen Wunden legend – im kollektiven Gedächtnis des Jahres 2019. Ein tolles Werk.

Wertung: 9 von 10 Punkten (9/10) Klangwelt Musiktipp

Black Halo Release Infos

Interpret: Amnistia
Release/Label: April 2019 / 9XO Media<
Bezug: Amnistia – Black Halo*
Stil: Body Wave / Dark Electro

Tracklisting:
01. Ini7
02. Package Of Regrets
03. The Itch
04. Through The Night
05. Black Halo
06. The Haunted
07. Crowds Cheer Verdict
08. Last Words Purify
09. Misery
10. Suffer
11. In Between
12. We Do Not Disturb Our Dead



 
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