Review: Pouppée Fabrikk – Armén

Review: Pouppée Fabrikk – Armen Pouppée Fabrikk stehen seit jeher für extrem physische, meist elektronische Musik, deren brachialer Impetus Bewegung provoziert. Ihre EKM (Elektronisk Kroppsmusik) fußt dabei nicht auf Perfektion oder Beliebtheit, sondern auf Authentizität und der Vorliebe für Ungeschliffenes. Kompromisse sind dabei untauglich! Selten präsentierte sich die EBM-Legende daher so tough, borstig und derb wie auf dem neuen Album Armén.

Pouppée Fabrikk- Armén

Mit The Dirt meldeten sich Pouppée Fabrikk 2013 klassisch und eindrucksvoll zurück. Viele der Nummern resultierten auf dem Aufgriff alten Demos und Ideen. Den auffällig “erdigen” Charakter von The Dirt führt Armén fort – das Werk betont das Ungeschliffene und Finstere sogar noch expliziter.

Dabei beinhaltet Armén nur neue Tracks. Wenn man es streng nimmt, liegt hier das erste “richtige” Album seit den 90er Jahren vor. Das soll den Wert vom starken The Dirt aber nicht schmälern.

Kontrolle und Angst im Visier

Inhaltlich zeigte die knallende, sequenzergetriebene Vorabsingle Only Control die Richtung und Botschaft des neuen Pouppée Fabrikk Albums unmissverständlich an. Nein zu blinder Gehorsamkeit gegenüber mächtigen Gruppierungen, musikalisch vorgetragen im qualitativen EBM-Gewand.

Ein traditionell gutes Selbstbewusstsein versetzt die Musiker in die Lage, nicht jeder dominierenden Macht, jeder Ideologie oder gesellschaftlichen Imperativ reflexartig zu folgen. Diese einerseits kulturskeptische sowie andererseits antitotalitäre Haltung strahlen Pouppée Fabrikk seit langem aus.

Die Mechanismen der Kontrolle kennen die wütenden Schweden nur zu gut: Konsistent kommunizierte Dogmen, unreflektierte Ideologien, Glaube mit absoluten Wahrheitsanspruch sowie das Nutzen der Angst als Druckmittel engen die Menschen ein.

Stahl- und Klangwerk im lauten Betrieb

Pouppée Fabrikk brechen aus, dazu benötigen sie schmetternde Stahlrhythmen, kantig-scheppernde elektronische Bässe und markige, bisweilen adäquat effektbesetzte Schreie. Die Songs sind (schmerzhafte) Botschaften, deren beunruhigende Wut gleichermaßen Freiraum spendet.

Einsatz mit Leib und Seele,durchaus inspiriert vom ursprünglichen Spirit des Punk. Das ist EKM im Sinne der Band – rau, ungeschönt und mit dem Klang einer schnaufenden, außer Kontrolle geratenen Fabrik alter Schule ausgestattet.

Armén – markige Vocals, brachialer Klang und kein Kompromiss

Zwei Auffälligkeiten treten beim neuen Album von Pouppée Fabrikk hervor: Zum einen knüpfen viele neue Tracks an die harte elektronischen Frühphase den Band an. Einige Stomper treten ihre Hörer geradezu über die Tanzfläche. Derart konfrontative Härte verträgt nicht jeder, doch langjährige Fans wissen Ansatz und Energie mehr als zu schätzen.

Eckige Bässe mit einem dreckigen Touch prägen viele Passagen. Die Vocals von Henrik Björkk selbst sind voller Groll, aber etwas anders als in der Frühzeit akzentuiert. Oft schwingt eine Distortion mit, welche die markige Intonation recht finster wirken lässt. Das funktioniert gut, obgleich ein bis zwei Nummern mit purem Gesang wohl noch direkter tönen würden. Etwa das dezent an Portent erinnernde Blessings.

Pouppée Fabrikk greifen ihre frühe Tradition auf

In ihrem konsequenten Minimalismus wohnt den oldschool Tracks eine Kraft, ja sogar erschreckende Brutalität, inne, welche in der Form nur wenige Bands realisieren können. Gnadenlose Nummern wie I Am Here To Stay, Burn Your Face, Say Goodbye fungieren als roter Faden, nähen ein perfektes EKM Muster. Straight in Your face.

Das gilt vor allem für das in schwedischer Sprache vorgetragene Highlight Kom Ta Min Smärta. Eine Rarität – schwedische Tracks kennt man von Spark! und Co, weniger von den kantigen Urgesteinen. Tempo und Aggression prägen die ebenso wendungsreiche wie kultig anmutende Pogo-Nummer. EBM, das ist auch die Fähigkeit, mit Wohlwollen zu leiden. Nahezu jeder, der ein Konzert von Pouppée Fabrikk durchgeboxt hat, kennt das.

Finsterer industrieller Einschlag

Obwohl Armen EKM in Reinform bietet – oldschool Fans so richtig triggert – stellt das Album keine 1:1-Kopie der Frühwerke von Pouppée Fabrikk dar. Das neue Werk provoziert mit seinem Industrial-Einschlag, welcher bis dato vorwiegend in den Soloprojekten der Künstler beheimatet war, krachende Druckwellen. Besonders spür- und hörbar bei Knifeuser und dem klaustrophobischen A Line In The Sand.

Zudem bereichern dezente Einflüsse von den Projekten Nexus Kenosis und dem rund 20 Jahre alten Sidekick CAP (Controlled Analogue Programming) von Leif Holm den aktuellen Sound. Wütend und trotzig verabschieden Pouppée Fabrikk ihre Hörer mit Kick It. So ein Album muss man erst mal wirken lassen.

Fazit: Harte Musik in harten Zeiten – rau, finster und ohne jegliche Kosmetik vorgetragen. Pouppée Fabrikk reißen mit, packen selbst eingefleischte Fans an der Gurgel, erschrecken sie mitunter. Dass es den Musikern dabei gelingt, die bandtypische Wucht und Kompromisslosigkeit mit bedrückenden bis noisigen Facetten der Nebenprojekte zu einen, spricht für die Scheibe. Armén wird sicher nicht für jeden leicht zugänglich sein – wer PF nicht mochte, ändert seine Meinung auch jetzt nicht. Das kann der Band egal sein: Armén fungiert als eines der derbsten, ja dreckigsten Body Music – sorry – EKM-Statements der ungewissen Gegenwart. “Let´s fucking go!”

Wertung: 9 von 10 Punkten (9/10)Klangwelt Musiktipp

Armén Release Infos

Interpret: Pouppée Fabrikk
Label: Alfa Matrix
Release: März 2020
Stil: Oldschool EBM/Industrial

Tracklisting:
01. Only Control
02. Blessings
03. I Am Here To Stay
04. Knifeuser
05. Burn Forever
06. A Line In The Sand
07. Tripshitter
08. Kom Ta Min Smärta
09. Say Goodbye
10. Kick It



 
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