Review: Steril – Empiricism

Cover: Steril – EmpiricismDer frühe Vogel fängt den Wurm. Das gilt für dieses Review ganz sicher nicht, legten die bisweilen vogelwilden Steril ihr neustes Werk Empiricism doch bereits im Spätsommer 2019 vor. Doch der verspätete Blick auf das nun veröffentlichte digitale Release verspricht Freude, denn selten überzeugten die Musiker derart auf gesamter Albumlänge. Steril finden den Kompromiss zwischen dem Abflug in die Freiheit und ausdrucksstarker kollektiver Formation.

Steril – Empiricism

Die erste physische Auflage von Empiricism erschien im Jahre 2019 streng limitiert auf Frankahdafi Records. Nun liegt im Jahre 2020 das digitale Release vor. Gleichzeitig kommt der kleine Clubhit Black Jesus als knackiger Radioedit heraus, diese Version ist ebenfalls Part des digitalen Albums.

Steril zählen seit langem zu den Individualisten im Bereich alternativer elektronischer Klänge mit Bezug zur EBM. Ihre früheren Erfolge fußten auf qualitativ-differenzierten Tracks (No Remission), anarchisch anmutenden Crossover-Nummern (Egoist) und Knallern mit dem Impuls zum Massenbrawl (Overgod).

Selbst ihren Anhängern machten es die bunten Gestalten nicht immer leicht. Zahlreiche Experimente – je nach Laune – sorgten für ungeahnte Hörgenüsse, aber auch für die ein oder andere Erfahrung mit speziellem Flair – so zwitschert man sich zu.

Eine gewisse Distanz zu jener Art, wie andere Szene-Bands agieren, schwingt bei Steril stets mit. Das Flatterhafte gehört dazu – deal with it.

Konsistenz und Gestalt

Die Spatzen pfeifen es seit letztem Jahr von den Dächern der Clubs: Empiricism setzt in melodischer Hinsicht Akzente mit schrägem Touch. Dafür sorgen die abwechslungsreichen, häufig energisch gesungenen Nummern mit den bisweilen unorthodoxen Betonungen. Schließlich ist der Sänger keine Nachtigall.

Doch niemand will das missen, denn die Musik erlangt dadurch ebenso Persönlichkeit wie Ausdruck. Ihrem Käfig des Normalen sind Steril schon lange entflogen.

Eben jener Trademark trifft nun auf ein Soundbild, dessen Produktion und souveräne Soundauswahl einen idealen, ja auffällig kontrastierenden Rahmen spendiert. Eine ganze Schar recht rhythmischen Nummern prägt Empiricism – begleitet von präzisen und satten Bässen. EBM-Fans wissen sofort, was gemeint ist.

Songwriting mit Prägnanz und schönen Momenten

Wuchtige Tracks mit Prägnanz und immanenter Schönheit im Chorus rahmen das Werk: Halo, Feedback Noise, das technoid-nüchterne Transition oder Afraid Of Silence sind zu nennen, ebenso das gleichermaßen electrolastige wie hymnische Sunburned.

Die Musiker lassen auf Empiricism eben nicht federn. Bereits die Hitsingle Black Jesus verwandelte die damals noch betretbaren Tanzflächen der Szene-Clubs in einen umtriebigen Taubenschlag. Ein Highlight.

Apropos Highlight: Mit Unleashed Compassion tragen Steril vermutlich eine der bisher abwegig-faszinierendsten, ja sensitivsten Melodien ihres Treibens vor. Empiricism provoziert Gestalten, wie sie sonst nur ganze Heerscharen unserer tierischen Freunde gemeinsam in der Luft darbieten können.

Alliance gemahnt in der unheilschwangeren Strophe sogar dezent an Soft Cell. Ebenso ruhig wie bedrohlich trällern die Musiker mit El Tiempo zudem eine eindringliche Ballade in die Nacht hinaus, während der Titeltrack Empiricism in komplexer Weise mit früheren Crossover-Ambitionen spielt.

Es zeigt sich: Die eine Nummer, die negativ auffällt und auf der man herumpickt – sie findet sich nicht.

Fazit: Daumen hoch für ein Album, dessen empirische Hörerfahrung nahelegt, dass es sich um eines der besten der schillernden Band handelt. Selten klangen Steril so konzentriert, frisch produziert und klanglich konsistent. Die Nummern überzeugen als Schwarm mit anmutiger Gestalt, dessen dynamische, elektronische Wucht spannende Muster organisiert. Den Bandstatus als schräge Szene-Vögel kratzt das nicht an, dazu setzen die Musiker ihre Eigenarten im Rahmen von Komposition und Gesang zu konsequent um. Es sind schlichtweg bewegende bis starke Songs im glänzenden bis rabenschwarzen EBM-Gewand. Und jetzt: Empiricism anschmeißen und Abflug.

Wertung: 9 von 10 Punkten (9/10)Klangwelt Musiktipp

Empiricism Release Infos

Interpret: Steril
Label: recordJet
Release: April 2020 (digital)
Stil: EBM

Tracklisting:

01. Halo
02. Black Jesus
03. Unleashed Compassion
04. Alliance
05. Afraid Of Silence
06. El Tiempo
07. Sunburned
08. Transition
09. Feedback Noise
10. Empiricism
11. Black Jesus (7-Inch)



 
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2 thoughts on “Review: Steril – Empiricism”

  1. MS sagt:

    Da warte ich schon ewig drauf! Ist es denn wohl irgendwo digital lossless und komplett zu erstehen? mp3 beim großen A reicht leider absolut nicht.

    1. klangwelt sagt:

      Dazu liegen hier leider keine Informationen vor. Am besten dürfte es sein, die Band direkt zu fragen, ob lossless (Monkey’s Audio, FLAC oder WavPack) irgendwie möglich ist. Das Facebook-Profil von Steril ist beispielsweise recht aktiv und gut gepflegt, am besten dort konkret nachfragen.

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