Review: Front Line Assembly – Mechanical Soul

Cover: Front Line Assembly – Mechanical SoulIn der klassischen Besetzung Bill Leeb und Rhys Fulber spielten Front Line Assembly ihr neustes Werk Mechanical Soul ein. Dazu kommen Gastauftritte von Jean-Luc De Meyer und Dino Cazares. Und wie immer schraubt eine Band, die in ihrer Historie derart Epochales geleistet hat, die eigenen Erwartungen immens hoch. Das ist Fluch und Segen zugleich, lebensbegleitende Bands provozieren fast immer einen immensen bis dreisten Anspruch bei ihren Fans. Nun denn, weg von den Erwartungen, hin zur Realität – wie sehr überzeugt das 2021 Album der Kultformation?

Front Line Assembly – Mechanical Soul

Play. Purge verdeutlicht ebenso dosiert wie pointiert den Einfluss von Rhys Fulber auf Sound und Wirkung: Seine Synth-Anschläge tönen präzise, kalt und bedrohlich. Einscheidend bearbeiten sie den Fan, einen das Technoide mit den auffordernden Sequenzen früher EBM-Tage.

Neben gefälligen Strings generieren bruchafte Voice-Samples im überzeugenden Opener schnell das Gefühl, dass FLA hier ihre eigenen Underground-Spuren lesen – natürlich technisch topmodern produziert. Leebs typische Vocals betonen die finstere Stimmung und leiten den Hörer dosiert in die Welt der mechanischen Seelen. Gerne klinken sich alte Fans in diesen intensiven Midtempo-Track ein, der übrigens durchaus als Output von Noise Unit funktioniert hätte.

Diese frühe Lesart des Albums bestätigt sich im Verlauf noch häufiger: FLA agieren nah an ihren klassischen Trademarks und ergänzen diese mit dem selbstverständlichen Blick auf verwandte Genres und neuere Entwicklungen. Man muss keinen Trend zwanghaft implementieren, um up to date zu sein. Wenn es passt, erfolgt eine Referenz, aber nicht mehr. Wissend um die eigenen Stärken ein ebenso selbstbewusster wie konsequenter Ansatz.

Glass And Leather zeigt sich als nicer, extrem zackiger EBM-Stampfer alter Schule, dessen dominierender mechanischer Basslauf konsequent den Ton angibt – allerdings ohne im Refrain nochmals zuzulegen. Auch diese Eigenschaft ist an einigen Stellen von Mechanical Soul deutlich wahrnehmbar: Bisweilen bauen die Musiker Spannung auf, um diese dann auf Distanz zu halten, nicht ein- oder aufzulösen. Sie agieren gerne gegen Erwartungen. Break statt Refrain, Ent- statt Beschleunigung, Bridge statt Strophe.

Dies dürfte ein offenkundiger Grund für die recht divergierenden Reviews bisher sein, denn den sofort einschlagenden Überhit für Szene-Events findet man auf dem neuen Werk vielleicht nur an einer Stelle. Das vorab bekannte Unknown lässt diesbezüglich nichts anbrennen: Brummelnd und dominant trägt Leeb den unruhig brodelnden Track vor, um ihn dann in einem gefälligen – für FLA wahrlich typischen – Refrain aufzulösen. Dezente, aber doch bedeutungsschwangere Flächen vertiefen die Stimmung.

Unknown ist eine starke elektronische Nummer, die konsequent zu Ende gedacht wurde. Sie zeigt, wie sehr FLA die klangliche Stringenz des bewährten Duos Leeb/Fulber gut tut. Fast 40 Jahre im Bereich EBM, Techno und sogar Metal sorgen für eine selbstverständliche Souveränität bei der Gestaltung. Ganz klar ein Anspieltipp, der mit zweifelndem Unterton gesellschaftliche Probleme wie Umweltverschmutzung und soziale Spannungen ins Visier nimmt.

Das Spiel mit und gegen Erwartungen

Der geneigte FLA-Fan ist nun auf Touren … und wird vom fast meditativen New World etwas im Temperament gebremst. Sehr melodisch frönen die Musiker einer Art düsterem Electropop moderner Prägung, dessen Wirkung langfristig nicht unterschätzt werden sollte. Auch dies ist eine bekannte Facette der Band, sie fürchtet sich nicht vor dem Eingängigen, denkt einfach nur an Lifeline vom Album TNI.

Doch kombiniert mit dem monotonen-experimentellen Rubber Tube Gag geht ein wenig die Dynamik flöten, man dreht die Drehzahl der Maschinen runter. “Wann kommt der Kracher?”, so die impulsive Reaktion an dieser Stelle des Albums. Das ist die Krux, FLA-Fans sind seit Jahrzehnten verwöhnt.

Stifle fällt daraufhin etwas aus dem Rahmen, baut dieser Track doch als einziger Gitarren ein. Doch so richtig explodieren will auch er nicht, obwohl der griffige Refrain absolut sitzt. Die Nummern im Mittelteil von Mechanical Soul sind gut gemacht, auch diese rockige Variante, doch FLA fahren hier mit angezogener Handbremse.

Das bestätigt erneut Alone, welches irgendwie endgültig den Flow abreißen lässt und nun eine gewisse Müdigkeit hervorruft. Die Motivation, das Ding nochmals zu hören, ist wohl nur mit sehr sensitiven Methoden messbar. Schade.

Highlight Babarians und das epische Ende

Gut, dass endlich ein weiteres – vielleicht das – Highlight folgt und sich als weiterer Meilenstein in die Vita von Fulber und Leeb einfügt. Ganz neu ist Babarians allerdings nicht: Melodie und Gesang von Jean-Luc De Meyer waren bereits auf dem Album Artificial Soldier im Song Future Fail zu vernehmen.

Die aktuelle Inszenierung ist allerdings um Meilen besser, verzichtet sie doch auf das ursprünglich sehr hektische Arrangement. Sparsam und selektiv werden die episch-unverwechselbaren Vocals des 242 Frontmanns in Szene gesetzt. Babarians ist die ergreifende Seele des Werks. Die wohlige Gänsehaut folgt bestimmt.

Kurswechsel und zurück zum Mechanischen: Nüchtern und DAF-mäßig auf Zack schwingen FLA mit dem deutschprachigen Komm, Stirb Mit Mir das Tanzbein. Auffällig einfache Reime und ein klarer Kick kennzeichnen die launige Nummer, die ihren Zweck erfüllt.

Time Lapse beendet das reguläre Werk (der anschließende, recht reduziert inszenierte Remix von Hatevol ist nettes Beiwerk, mehr nicht) in typischer Manier alter Tage: Ein Soundtrack, beseelt von geschichteter Dunkelheit, der sich stetig aufbaut, um den Hörer komplett im eisigen Griff zu umhüllen. Das können Leeb und Fulber ebenso selbstverständlich wie virtuos.

Fazit: Als 6-Track-EP mit den besten Songs wäre Mechanical Soul ein Kracher. So treten im Mittelteil ein paar Längen hinzu, welche Biss und die letzte Konsequenz missen lassen. In Hinblick auf die Gesamtwirkung kann Mechanical Soul daher nicht ganz an die besten FLA-Alben der letzten 20 Jahre (Civilization, Improvised Electronic Device und Echogenetic) anschließen. Explizite Highlights wie das hitverdächtige Unkown, das epische Babarians und der undergoundige Opener Purge setzen allerdings ebenso Ausrufezeichen wie der Sound, der wie fast immer eine Klasse für sich darstellt.

Wertung: 8 von 10 Punkten (8.0/10)

Mechanical Soul Release Infos

Interpret: Front Line Assembly
Label: Metropolis Records
Release: Januar 2021
Stil: Electro/EBM/Industrial

Tracklisting:
01. Purge
02. Glass and Leather
03. Unknown
04. New World
05. Rubber Tube Gag
06. Stifle
07. Alone
08. Barbarians
09. Komm, Stirbt Mit Mir
10. Time Lapse
11. Hatevol (Black Asteroid Mix)



 
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1 thought on “Review: Front Line Assembly – Mechanical Soul”

  1. Ludo sagt:

    Ich bin seit Jahrzenten fasziniert davon, dass den Herren Leeb und Fulber immer wieder noch etwas Neues einfällt, um ihr Projekt zu vervollkommnen.

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