Review: Necro Facility – ‘Wintermute’

necro facility wintermuteVier Jahre Zeit gaben Necro Facility ihrem Neuling Wintermute. Das dritte Album der schwedischen Soundtüftler steht für dosierten Wandel, gereiftes Songswriting und lässt den Ruf eines Skinny Puppy Epigonen hinter sich. Gekonnt, mitreißend, aber auch irritierend – all das vereint Wintermute.

Necro Facility – Wintermute

Zu Beginn ein Blick zurück: Skinny Puppy als Startpunkt für die eigene Musik zu nehmen, das war für Necro Facility retrospektiv die perfekte, aber gleichzeitig ambitionierte Wahl. Sehr übermächtig das Erbe von cEvin Key, Nivek Ogre und Co. – extrem anspruchsvoll die Komplexität der Soundlandschaften.

Und dennoch schimmerte es schnell durch: Tracks wie Intense, Ifrit oder Circuit Breaker strahlten die verschrobenen Wirklichkeiten der Kanadier in neuem Licht an. Nicht zuletzt durch die Wahl passender, aktueller Sounds, die fernab gängiger Trends das Biest Skinny Puppy einfangen sollten. Necro Facility bewiesen es – der hohe Norden kann auch tüfteln.

Der Wandel kommt mit Wintermute gleich mehrfach: Do You Feel The Same – der Song, welcher Oscar Holter und Henrik Bäckström viel Öffentlichkeit bescherte – deutete es an: Das Duo fusioniert Kaputtes mit schönen, fast leicht greifbaren Melodien. Ein stimmiger Gegensatz, der Necro Facility etwas Hoffnungsvolles verleiht, ästhetisch und kämpferisch gleichzeitig.

Die Band stöbert munter in anderen Genres: Auf Wintermute ertönen Rock- & Dancefragmente sowie variantenreiche Drums, im Web irrtümlicherweise häufig als Breakbeats bezeichnet. Nicht alles, was keinen 4/4 Takt bietet, ist gleich ein Breakbeat. Neu ebenfalls der phasenweise unverzerrt, fast fragil wirkende Gesang.

Wintermute – Hits (nicht nur) für die Szene

Etwas fällt schnell auf: Necro Facility können – im positiven Sinne des Wortes – Hits schreiben. Allein der Opener You Want It zieht den Hörer mit sensationeller Melodie emotional in den Track. Er schließt jegliche Fluchtmöglichkeit aus. Das ist keine reine Skinny Puppy Adaption mehr, das ist der Weg von Necro Facility – modern, breit aufgestellt und Dinge vereinend, die man sonst kaum zusammen sieht.

Konkret: Wintermute spricht ob des zeitweilig alternativen Flairs vermutlich nicht nur EBM-Fans und Elektronik-Tüftler an. Möglicherweise folgen sogar offene Fans von Bands wie etwa Linkin Park den Ideen. Kein Grund auszuflippen.

Und doch schmeißt die Band glücklicherweise nicht alles über Bord, was sie bis dato ausmachte. Wenn Dich ein müdes, verzerrt grinsendes Gesicht mit stumpfen Augen und wohligem, tiefroten Nasenbluten aus dem Spiegel anstarrt, dann ist dies der Moment für Cuts. Schaurig schön, ein Tribut an die musikalischen Paten, kühl und ergreifend.

Die Aggressivität, die Necro Facility live ausleben, verkörpert Skrik. Die Nummer schleicht sich fast zwei Minuten eingängig an, um dann mit hartem Basslauf in den musikalische Infight zu gehen.Traditionelle Body Music in ausgearbeitetem Gewand.

Zwischendurch lockern experimentelle Nummern wie Waiting For The Snow die Reise auf. Und wer schon immer hören wollte, wie durchgeknallte In The Nursery klingen würden, dem sei das famose Fanfaren-Intro von Ingite ans Herz gelegt. Knaller.

Die Grenze zum Pop

Etwas skeptisch macht Supposed: Vom Charakter ein auffordernder Clubstampfer, will hier der ‘nette’ Refrain nicht so zünden. Schon aus dem Grund, dass die Kombination Marke hart/soft recht viel auf dem Album zu finden ist und spätestens mit Fall Apart einen gewissen Sättigungsgrad erreicht.

Hoffentlich sehen Necro Facility ihren neu gefundenen Kontrast nicht als Patentrezept, sondern als eine Option an. Möglichkeiten hat die technisch versierte Formation offensichtlich viele. In diesem Fall tönt es etwas zu sehr nach Apoptygma Berzerk der letzten 10 Jahre.

Die CD endet mit der sich steigernden Ballade All That You Take dann fast am Lagerfeuer.

Trotz zeitweiliger Skepsis besticht Wintermute durch seine mutigen Einfälle und streckenweise herausragende Songs. Ein absoluter Hinhörer 2011 mit verblüffend eingängigem Charakter. Bleibt die offene Frage, wie der weitere Weg der Band aussieht.

Wertung: 9 von 10 Punkten (9/10)Klangwelt Musiktipp

Wintermute Release Infos

Interpret: Necro Facility
Label: Progress Productions
Release: 20.05.2011
Stil: EBM/Electro/Pop

Tracklisting:
1. You Want It
2. Explode
3. Cuts
4. Do You Feel The Same
5. Fall Apart
6. Waiting For The Snow
7. Ignite
8. Skrik
9. Supposed
10. All That You Take

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2 thoughts on “Review: Necro Facility – ‘Wintermute’”

  1. Chris sagt:

    Hammeralbum … derzeit der Dauerbrenner bei mir im Auto.
    Wer die Scheibe nicht kennt, sollte das zügig nachholen ;-)

  2. Mario sagt:

    Mit der “Wintermute” legen Necro Facility nochmal nach!!.
    Das Vorgängeralbum war schon gut- dies ist noch besser.
    Da vereinen sie sehr gut verschiedene musikalische Stilrichtungen.
    Hauptsächlich Skinny Puppy, aber auch FLA ist herauszuhören!
    – Weiter so!.
    * Familientreffen: Genial! (bis auf wenige Ausnahmen)! – Für mich auch der Hammer des Tages: Portion Control !!
    Mario

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