Review: 2nd Face – utOpium

Artikelgrafik: Review des 2nd Face Albums utOpiumMit euphorischen Lobhudeleien sollte man sich grundsätzlich zurückhalten. Doch im Falle von utOpium, dem neuen Album von 2nd Face, scheint es wichtig, das Offenkundige zu benennen: Nach 5-jähriger Schaffenszeit setzt es Maßstäbe an der Schnittstelle von komplexem Dark Electro, EBM und kraftvollem Industrial. Mastermind Vincent Uhlig hat ein fortschrittliches Werk geschaffen, das vor Ideen geradezu überbordet.

2nd Face – Innovation mit utOpium

Vom “vielschichtigen Meisterwerk” über “apokalyptische Musik für Beklemmungszustande” bis hin zu “komplexen Arrangements in bester Vancouver-Tradition” reichten die ersten medialen Reaktionen auf das neue Album von 2nd Face. Diese fachlichen Einschätzungen zum Nachfolger des viel beachteten Debüts Nemesis treffen absolut zu; sie spannen einen passenden Erwartungshorizont.

Doch hier lauert mehr, denn utOpium gelingt etwas Besonderes: Es bringt Innovation in jenen elektronischen Szenesound, welcher seine Impulse aus Dark Electro, Industrial und EBM bezieht. Fast jeder Track kann auf utOpium mehrere Motive aufweisen, ohne Vorwarnung auf den Hörer einstürzen oder seine Gestalt bis zur unerwarteten Auflösung verhüllen.


Traditionelle Songstrukturen bricht Vincent Uhlig immer wieder auf, stellt sie angesichts überbordender Klang- und Songideen fast besessen wirkend infrage. Dem geneigten Hörer bleibt kaum Zeit durchzuatmen, ohne etwas zu verpassen. Immer droht die Gefahr, den Anschluss zu verlieren.

Progression pur dank jahrelanger Tüftelei

Experimentelles Chaos resultiert daraus aber nicht, denn Dekonstruktion und Wendungen münden nach der Verstörung stets in neuen, akribisch ausgearbeiteten Gestalten und Motiven. Bisweilen wohnt dem Albumerlebnis eine echte Herausforderung inne, werden implizite Erwartungen der Hörer doch konsequent zum Teufel gejagt und anschließend durch etwas Originelles ersetzt.

Schnell merkt man, dass der Protagonist für die Kreation eines derart intensiven Werks lange Zeit in einem besonderen Zustand verbracht, ein spezielles Momentum – so auch der Name des kolossalen Openers – erlebt haben muss.

Hier sitzt wirklich jede Gesangspassage, jede gegen die Erwartung implementierte Bridge, jeder plötzliche Break aus dem Nichts, jeder zu mitunter unmöglichen Zeitpunkten eingeführte neue Klang oder Basslauf.

Progression zeigt sich auf utOpium glücklicherweise nicht als Selbstzweck oder als krampfhaftes Bemühen, möglichst originell zu klingen, sondern resultiert aus der überbordenden Kreativität des Protagonisten.

Die überragende Produktion der neuen Tracks setzt die vielschichtige Komplexität derart differenziert und detailliert in Szene, dass jeder qualitative Kopfhörer seine Existenzberechtigung findet.

Szene-Musik in ihrer anspruchsvollsten Form

2nd Face wirken auf dem midtempolastigen utOpium aus diesen Gründen gleichsam bedrohlich, provozierend, impulsiv, kantig, epochal, hymnisch, widerborstig, sprunghaft, emotional und verstörend gleichzeitig – fast jede Komposition entzieht sich gängigen Konventionen.

Wer dran bleibt, wird mit emotionalen Refrains (Life(I)over), teils betörenden Stimmungen (Faith), erfreulich variantenreichen Vocals, derb pushenden Bässen (Formula Extinction), wohliger Aggression (Vox Irae) und höllisch-vertrackten Abfahren (Public Enemy) ins Dunkel belohnt.

Fazit: 2nd Face spendieren der elektronischen Szene-Musik im Jahre 2023 einen Input, welcher zumindest anteilig mit der Bedeutung der wegweisenden Skinny-Puppy-Alben bis Too Dark Park zu vergleichen ist. Man darf hier, obgleich musikalisch völlig anders gelagert, sicher ergänzend Tool als Referenz nehmen, um den innovativen, ja progressiven Anspruch des Werks zu skizzieren. Ganz sicher keine leichte Kost für nebenbei, aber in komplexer Blüte derart filigran inszeniert, dass sich ein Eintauchen in den bedrohlichen Kosmos von 2nd Face immer rentiert. Tipp!

Wertung: 9.0 von 10 Punkten (9/10)Klangwelt Musiktipp

utOpium Releaseinfos

Interpret: 2nd Face
Release: Mai 2023
Stil: Dark Electro / Industrial / EBM

Tracklisting:
01. Momentum
02. Formula Extinction
03. Vox Irae
04. Mydriasis
05. Life(l)over
06. Underneath the Silence
07. Aether
08. 1 of the Others
09. Public Enemy
10. Faith



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