Review: 32Crash – ‘Y2112Y’

32crashJean-Luc de Meyer erhebt auf Y2112Y mit seinem Projekt 32Crash zum zweiten Mal auf Albumlänge die Stimme. Die Front 242 Ikone hat Gewichtiges und Überraschendes zu erzählen – inhaltlich und stilistisch.

32Crash- Y2112Y

Anfang der 90er forderte Jean-Luc de Meyer mehr Beachtung seiner Stimme bei Front 242. Er wollte Variationen einbauen, den Ausdruck stärken, gleichzeitig Intensität und Tempo steigern.

Die Band tendierte in den 90ern hingegen in eine andere Richtung. Die Belgier versuchten auf Up Evil und den folgenden Arbeiten Technotrends einzubeziehen, man engagierte Alternative-Produzenten und experimentierte viel. Für die Songs an sich blieb offensichtlich weniger Zeit, auch wenn besonders das Up Evil Album durchaus Treffer landen konnte.

Cobalt 60 war Mitte der 90er Jahre ein erster Ansatz des Front 242 Sängers, sein Anliegen musikalisch umzusetzen. Leider brachte man es auf nur zwei Alben, Jean-Luc de Meyer tauchte hingegen gleichzeitig und später in weiteren Projekten auf, Cyber-Tec (später C-Tec) und Birmingham 6 seien als Beispiele genannt. Und natürlich kennzeichnet die Veröffentlichungen beizeiten ein Unterton, der zumindest Assoziationen zu Front 242 weckt. Das ist schlichtweg sein Schicksal. Aber das kann man ja zumindest etwas mitlenken.

Facettenreicher Powerpop abseits fester Genres

Schon das erste 32Crash Album Weird News from An Uncertain Future versprühte viel Wortwitz, Temperament und tempogestützte Energie. Y2112 setzt diesen Weg konsequent fort und bietet eine schräge Science-Fiction Reise ins Jahr 2112. Es entwirft Bilder, die surreal und mitunter witzig wirken. Doch gleichzeitig sind diese inhaltlich ambitioniert und reflektieren die mit der Technik und dem Fortschritt verbundenen Urängste und real existierenden Gefahren.

Jean-Luc de Meyer, Len Lemeire und Jan d’Hooghe warten nicht mit den scharfen und hart angeschlagenen Tönen auf, die typisch für viele EBM Bands sind. Es geht auch weniger perfekt zu. Die Produktion klingt bewusst gemäßigt – Elektronik, Rhythmus und einzelne Gitarren arbeiten meist gleichberechtigt nebeneinander. Manche Nummern setzen auf einen eher wilden Charakter, nicht auf sequenzielle Wucht. Charme statt Perfektion, spaßig bis skurril in der Wirkung und trotz hoher Schlagzahl nicht all zu hart.

Immer wieder flammt die Erkenntnis auf, dass 32Crash das neue Werk scheinbar im lockeren “Flow” aufgenommen haben. Schnell und locker ist das Album, mal elektronisch-tanzbar umgesetzt, dann wieder fast rockig im Charakter. Auf 20 Tracks variantenreich, aber nicht beliebig zu klingen, das ist schon ein kleines Kunststück.

Song und Stimme im Vordergrund

Und es gelingt durch die im Vordergrund stehenden Songideen und die unverkennbare Stimme Jean-Luc de Meyers, der sich seinem frühen Wunsch entsprechend so richtig austoben kann. Mal energisch und kernig wie bei der Partynummer Aliens On Earth , dann wieder fröhlich-beschwingt beim frechen und hitverdächtigen The Man Who Came From Later. Im Verlauf des Albums hingegen auch zeitweise fragil bis emotional, teilweise mehrsprachig.

Man weiß mitunter kaum, wie einem geschieht, ein poppiger Moment wandelt sich schnell in fast punkige Passagen, um dann wieder mit einer satten und schönen Melodie zu überzeugen.

Trotz des hohem Tempos bleibt Platz für nachdenkliche Stücke Marke What Happened Here, das ein direkter Nachfolger vom schönen wwwhide des ersten Albums zu sein scheint. Elegante Melancholie, das dürfte es treffen.

Die Antithese verkörpern zackige Nummern wie Hyperreal, Clubfeger für offene EBM und Electropunk Fans. xn + 1=a_xn_(1-xn) tönt ähnlich und gewinnt seinen Wiedererkennungswert aus dem originellen französischen Vortrag.

Natürlich finden sich ein paar Füllstücke, aber es sind weniger als man bei der stattlichen Songanzahl erwarten würde.

Rockiges von 32Crash und eine Gänsehaut zum Abschluss

Perpetuum Mobile überrascht inmitten der eh schon vielen Variationen und Experimente. Glaubt man zu Beginn, die Band hätte eine Art Jam Session irrtümlich aufgenommen, so gewinnt die ungeduldige bis krachige Rocknummer durch den bündigen und griffigen Refrain ihren Sinn. Spätestens nach dem zweiten Durchlauf weicht dieser kultige Song nicht mehr.

Die Nackenhaare entwickeln schlussendlich bei MelangOhlm’s Hit and Run ein stehendes Eigenleben. Im Charakter eine intensive, komplex anwachsende Ballade, versprüht der Song eine drückende Kälte, die man aus der musikalisch so bedeutsamen Vergangenheit Jean-Luc de Meyers kennt. Da dürfen auch hartgesottene Front 242 Fans jubeln.

Es ist an der Zeit, langsam ein Denkmal für den großen (alten) Mann der Elektronik-Szene zu erbauen, der mit 32Crash seine angestrebte musikalische Befreiung schafft, ohne an Identität zu verlieren. Nicht perfekt, aber frisch und eigen. Ein Szene übergreifender Anspieltipp.

Wertung: 8.5 von 10 Punkten (8.5/10)

Y2112Y Release Infos

Interpret: 32Crash
Label:Alfa Matrix
Release:21.10.2011
Stil: Power-Pop/ Electro-Punk

Tracklisting:
100Y
01. Aliens On Earth
02. Dawning Sun
03. What Happened Here
04. The Man Who Came From Later
05. Into The Hole
06. Impressionist Piece For A Free Planet
07. Hyperreal
08. Kryptonically Yours
09. Elegy For Himself
10.Human Decomposition
11. Not Quite Human
12. Perpetuum Mobile
13. xn+1=a*xn*(1-xn)
14. Lasercutter
15. The Attack On ZA4
16. Neighbours
17. MelangOhlm’s Hit And Run
18. A Tiny Foil Of Oil
19. The Ol-Lesar Ma

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