Review: Full Contact69 – ‘Selfdestruction’

Cover: SelfdestructionFull Contact69 haben sich mit den letzten Alben ganz schön unter Druck gesetzt. Ambitioniert und ausgereift tönte ihre bisweilen derbe EBM/Industrial Mixtur mit der gekonnten FLA-Referenz. Fokussiert führt Selfdestruction im Jahre 2018 die gewählte Linie fort. Das Projekt landet keine blinden Zufallstreffer, sondern langt durchdacht und gleichsam rüde zu. Musikalisch und inhaltlich.

Full Contact69 – Selfdestruction

Andreas Schubert und Mitstreiter lassen auf dem neusten Full Contact69 Output ihre Drohung langsam aufziehen. Mit dem eröffnenden Instrumental Frozen braut sich etwas sehr Bedrohliches am Horizont zusammen. Es kommt unweigerlich näher. Zunächst schleppend, etwa in Form des morbiden Trinity, welches geschickt Übersee-Einflüsse der Marke PIG und Chemlab verarbeitet. Sehr organisch der Gesang, das thematische Unbehagen rückt dadurch in reale Nähe.

Full Contact69 entwerfen eine Kulisse des Untergangs, denn auf Selfdestruction geht es um vieles, was zum Schaden der Menschen falsch läuft. Keine höhere Macht zeichnet dafür verantwortlich. Die selbstzerstörerischen Prozesse sind es, welche auf vielen Ebenen außer Kontrolle geraten.

Dying For Profit benennt einen jener Prozesse explizit: Immer dann, wenn die Gier über Verantwortung und Menschlichkeit steht, droht die Selbstzerstörung. Musikalisch ummanteln ein knochentrockener EBM-Bass, variantenreiche Sounds sowie der Mut, das Tempo auch mal zu drosseln, diese Erkenntnis.

Nach der Faszination kommt das Derbe, das hat Selfdestruction mit einem mächtigen Gewitter gemein. Die Wucht bahnt sich ihren Weg durch die gewaltigen Soundwälle. Am meisten Schrecken verbreiten dabei die Einschläge, welche nach einer scheinbaren Ruhephase aus dem Nichts loskrachen. Die Botschaft der sich oftmals sukzessiv steigernden Tracks sitzt, klar sticht sie durch die gewählte musikalische Methode hervor.

Marschierende Midtempo-Tracks mit Gestalt

Selbst gradlinig stampfende Momente wie beim bärenstarken Titeltrack Selfdestruction strotzen vor feinen Arrangements und frischen Sounds. Oft münden sie in bündigen und griffigen Refrains. Dabei spitzt sich die Dramatik einerseits zu, gleichzeitig offenbart sich die Gestalt der Nummer – Form und Aussage passen aufgrund des potenten Songwritings.

Exzellent vertont bei Protein Of AddictionTactical Neural Implant 2018, Bill Leeb und seine Mannen würden diese Nummer wohl haben wollen. Fast vorsichtig schleicht sich hingegen Narcisstic And Vain heran, bevor seine scharfzüngige Melodie losbricht und schmerzhafte Spuren hinterlässt.

Scheinbar mühelos reproduzieren FC69 dieses Szenario bei Classified As Casualty. Die Band definiert somit Standards für zeitgemäße EBM/Industrial Tracks am faulenden Zahn der Zeit.

Technik, Form und Botschaft im Zusammenspiel

Überlegene Technik markiert ein Standbein von Full Contact69, gekonntes Songwriting mit inhaltlicher Botschaft ein weiteres. Oft nimmt sich das Projekt Zeit für die sorgsame Entwicklung der Nummern. Mehr als zuvor nehmen Aufbau und Intros ihren verdienten Raum ein.

Die Musiker bauen in den besten Momenten mit treibenden Bässen, frischen Electrosounds, expandierender Wucht sowie dem verstärkt organischen Gesang immensen Druck auf. Seltene, aber passende Gitarren – etwa im energischen Born To Sold – wirken daran mit. Der Horizont verfinstert sich mit einer Gestalt voll dunkler Energie, die nach Schließung drängt.

Eben dieser angestaute Druck entlädt sich anschließend mit gleißender Präzision und mächtigem Donner. Perfekt inszeniert in WTFI´m The Machine Of Your Lethargy) und scharfe Blick ist nötig, um Dinge zu benennen. Interferenzen bleiben somit in den vielschichtigen Songs aus, das Album hält sein hohes Niveau. Gebändigte Komplexität mit Kraft, Struktur und Sinn – das sind Full Contact69 Trademarks der selbstzerstörerischen Gegenwart.

Fast schon anmutig zieht das Unbehagen mit dem Instrumental One Foetus Left ab, wobei das geschickte Sampling ein wohliges Schaudern in bester Skinny Puppy Manier provoziert. Natürlich kann elektronische Musik unter die Haut gehen, Selfdestruction lebt genau dort.

Fazit: Mitten im langsam endenden Jahr 2018 bricht ein Sturm herein. Auf Selfdestuct liefern Full Contact69 eine wütende und bedrohliche Soundkulisse mit vergleichsweise vielen Midtempo-Songs sowie auffällig erdigen Vocals ab. Die Drohung zieht herauf, bricht über den Hörer herein und hinterlässt nach dem Abzug ein deftiges Schaudern. Musikalisch zieht die Band alle Register, das intelligente Design des Klangs transportiert Kraft und differenzierte Anklage gleichermaßen. Ein ernstes Highlight mit einem gesellschaftskritischen Schauer im Abgang.

Wertung: 9.0 von 10 Punkten (9/10) Klangwelt Musiktipp

Risen Release Infos

Interpret: Full Contact69
Label: Vertrieb via Bandcamp
Release: November 2018
Stil: EBM/Industrial

Tracklisting:

01. FROZEN
02. CLASSIFIED AS CASUALTY
03. TRINITY
04. SELFDESTRUCTION
05. MY OWN GOD
06. PROTEIN OF ADDICTION
07. DYING FOR PROFIT
08. BORN TO SOLD
09. I’AM THE MACHINE OF YOUR LETHARGY
10. NARCISSTIC AND VAIN
11. WTF
12. ONE FOETUS LEFT



 
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