Review: Zweite Jugend – Elektronische Körpermusik

Cover: Elektronische KörpermusikSelbstbewusst nennt die Zweite Jugend ihr zweites Werk Elektronische Körpermusik. Explizite Referenz und schelmisches Spiel zugleich, denn es geht dem Duo wahrlich nicht nur um ihren favorisierten Musikstil. So ein Körper will eben nicht nur via Schallwellen bewegt, sondern auch hofiert und geliebt werden. Dieses Bedürfnis findet im gleichermaßen elektronischen wie organischen Album seinen spürbaren Niederschlag.

Zweite Jugend – Elektronische Körpermusik

Fast drei Jahre liegt das Zweite Jugend Debüt zurück. Dabei waren die Musiker in dieser Zeitspanne stets präsent: Ob live oder im Studio, sie sind umtriebig und mittlerweile Teil eines größeren Netzwerks von Projekten. An der Genese des neuen Werks Elektronische Körpermusik ließ das Duo seine Fans mit vielen Social Media Aktivitäten bereits teilhaben. Gleichzeitig spürt man die Aufregung, welche vor dem wichtigen Release herrscht.

Das hat seinen Grund: Die Zweite Jugend liebt und lebt den oldschool Sound: Sie verkörpert den organischen, bisweilen verspielten Rhythmus der echten Drums, die monoton-hypnotische Sequenz mit Geltungsdrang, den – je nach Façon – energischen oder anzüglichen Sprechgesang. Zeitlose Elemente, welche DAF und Epigonen seinerzeit mit Erfolg etablierten.

Es ist die analoge Form des Ausdrucks, welche mit minimaler Inszenierung das Maximale an Wirkung provoziert. Dieses bis heute relevante Fundament der Electronic Body Music verziert die Zweite Jugend auf Album Nummerzwei mit Huldigung, Adaption & Interpretation.

Bewegende Körpermusik – Leid und Liebe

Elektronische Körpermusik – das stellt jetzt nicht die bloße Übersetzung von Electronic Body Music dar. Nein, nein, das wäre zu trivial. Natürlich frönt die Zweite Jugend mit dem Titel ihrer Leidenschaft. Doch sie vertonen nicht nur die bewegende Musik für tanzende Körper, sondern die Musikaktivisten erfinden Klangspiele für Körper in gemeinsamer Bewegung. Explizit: Sex. Beziehung. Tanz. Leidenschaft. Leid. Urteil und Vor-Urteil. Drama. Liebe.

Spritzige, aber zum traditionellen Ansatz passende Sounds laden beim Titeltrack zum Entdecken ein. In typisch DAFscher Manier huldigen die Musiker ihren Vorlieben, etwa in Alte Schule. Geht es dabei um Musik oder um einen idealisierten Menschen, wer weiß das bei einer derartigen emotionalen Besetzung schon?

Bereits auf der Vorabsingle fanden Leah & Alissa zeitgemäß und entsprechend ihrer Neigungen zusammen. Spitzbübisch, mitunter fast spöttisch trägt Eli derartige Beziehungsdramen vor. Sie wirken ebenso ambivalent wie vertraut, weil jeder sie kennt – auch in enttäuschten Freundschaften (Falsche Freunde). Das Duo tut gut daran, Nähe und Distanz durch Betonung zu regulieren, so verbrennt sich niemand an derart heißen Eisen die Finger.

Bewegende Körpermusik – Gefahr im Verzug

Doch die Musiker setzen nicht nur auf dieses launig-leidig-ledige Thema, es wäre zu verkürzt. Körpermusik umfasst das, was den körpereigenen Geist triggert und bewegt. Beste Momente erzeugt das Album mit dem Blick auf die harte Realität: Sie kommt inmitten der unermüdlichen Drums, der klaren Sequenzen und den präzisen Vocals klar zum Vorschein. Genau das kann authentische EBM nämlich besser: Der raue, bisweilen provozierende Ton reißt mit, öffnete dem Inhalt Tür und Tor.

Tracks eins, Flucht von der Erde, verkörpert in seiner sich steigernden Inszenierung das Bedrohliche der Gegenwart. “Alles brennt”, weg hier! Wenn´s so einfach wäre. Überall lauert ein falscher Heiland: Boshaft flüstert Eli dem Hörer in Kriegeregn seine todbringende Botschaft mit wohlbekannten Slogans ins Ohr. Obacht ist das Gebot der Zeit, auch wenn die Nummer anspornend zum Tanz bittet. EBM ist hier Kriegsmusik, aber nicht Musik für den Krieg – ein Unterschied, der den Unterschied macht.

Mit Alles Wie Immer wachsen die Musiker über sich selbst hinaus: Zwischen nüchterner Beschreibung, Anklage und Verzweiflung pendelnd, bringt die sequenzergetriebene Nummer Tempo und den Zustand vieler Gesellschaften auf den Punkt. Krieg, Geld, Glaube, Gewalt, falsche Hoffnung, Dummheit, Wut, Rache – die Verpackung und Rechtfertigung mag variieren, die Gefahr bleibt. Vielleicht das beste Zweite Jugend Stück bis jetzt, weil sein textlicher und musikalischer Vortrag direkt und greifbar nachwirkt.

Nischentöne

Ihre Lässigkeit verlieren Eli und Marcel dennoch nicht; gekonnt spielt die Zweite Jugend im NDW-nahen Weißes Rauschen mit auferlegten Zwängen. Ihre fast punkige Attitüde zeigt, was sie davon halten. Die Nummer ist simpel, Dein Leben auch? Ha, erwischt!

Zum Finale bringt die Band das Gegensätzliche des Lebens pointiert und mehrdeutig im schleppend-stimmungsvollen Kontronym auf den Punkt. Es ist der düsterste und womöglich faszinierendste Track der Band. Ob die Schreibform auf dem Cover – Elektro Nische Körper Musik – ihren Nischenansatz visualisiert oder schlichtweg dem Platz geschuldet ist, sollte jeder für sich selbst erörtern. Am besten während das Album ein paar Schleifen hinlegt.

Fazit: Den Daumen nach oben verdient sich die Zweite Jugend redlich. Sie machen nicht “auf” oldschool, sondern die Musiker leben diesen klassisch-reduzierten Ansatz mit allen Fasern der Existenz. Nur in dieser puristischen Form kommen die frivolen wie ernsten Inhalte komplett zur Geltung. Mal als Objekt des körperlich-mentalen “Bewegtseins”, dann wieder als Projektion der Begierde. Mehr Abwechslung in Sound, Tempo und Struktur gehen nie zu Lasten von Konsistenz und Qualität.

Wertung: 9.0 von 10 Punkten (9/10) Klangwelt Musiktipp

Elektronische Körpermusik Release Infos

Interpret: Zweite Jugend
Label: Brandsatz Records
Release: März 2019
Stil: EBM

Tracklisting:

01. Flucht von der Erde
02. Kriegergen [Explicit]
03. Falsche Freunde
04. Elektronische Körpermusik
05. Die ganze Nacht
06. Weißes Rauschen
07. Leah und Alissa [Explicit]
08. Alte Schule
09. Alles wie immer
10. Heile Welt
11. Kontronym

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