Review: Vomito Negro – Entitled

Artikelgrafik: Entitled ReviewNein, ein “normales” Album ist das neue Werk von den Szene-Urgesteinen Vomito Negro sicherlich nicht. Entitled bündelt vergessene oder aufgegriffene Tracks aus den ganz frühen Jahren der Belgier. Analoge Sounds ebnen den Weg, um den Brückenschlag zwischen der ersten und zweiten Inkarnation der Band zu realisieren. Entitled verbindet somit die Geschichte von Vomito Negro, führt das Jetzt zurück zu den aufregenden Anfangstagen.

Brückenschlag zwischen alten und neuen Vomito Negro

Entitled erscheint vier Jahre nach Black Plague: Gin Devo hat dafür in seinen Archiven gegraben und einiges an Material hervorgekramt, welches das 1983 gegründete Projekt in seinen frühen Jahren kreiert hatte.

Die Demos und Tracks wurden im kreativen Prozess frisch arrangiert und gemastert. Es geht zurück zur Phase des Aufbruchs, ohne dabei die in den vergangenen Jahrzehnten erworbenen Fähigkeiten und modifizierten Arrangements zu negieren.

Analoge Botschaften

Wer analoge Sounds liebt, fühlt sich beim Hören von Entitled schnell heimisch. Der Klang der besessenen Maschinen tönt greifbar, steckt voller Bedeutung und agiert dadurch abseits jeglicher Beliebigkeit. Der Ton macht die Musik, seine Wirkung ist nicht zufällig. Vor allem dann nicht, wenn manuell generierte “Charakterklänge” Teil der Botschaft sind.

Auf dem Werk überzeugen besonders die rahmenden, mit Samples gespickten Instrumentals Ongoing Patterns und 23 Days mit ihrer extrem dichten bis unheilvollen Stimmung. Ein Gespür für den Soundtrack des Bedrohlichen kennzeichnet Vomito Negro seit Ewigkeiten. Erneut kann Gin Devo diesen Trademark für sich reklamieren.

Der Kern des Albums schafft es dann häufig, alte und neue Vomito Negro – es sind ja schließlich zwei verschiedene Sänger – zu verbinden. Vertraute Stilelemente aus allen aktiven Jahrzehnten tauchen auf, “connecten” miteinander.

In Strikt Tempo damals und heute

In Strikt Tempo sticht dabei in seiner schweißtreibenden, klassischen EBM-Machart hervor – und natürlich klingelt es sofort bei alten Fans: In Strict Tempo Part 2/ In Strict Tempo Part 3 (damals mit “c” geschrieben) befanden sich bereits auf dem wohl besten Vomito Negro Album Human.

Die neue Version setzt direkt am damaligen Sound an: Sie greift den alten Basslauf auf, ergänzt hallende, aggressive Vocals und lässt die Drums ungebremst losstürmen. Kantige, reduziert und infolgedessen sehr fokussierte belgische EBM im Reinformat, bei welcher das Mixing im Vergleich zu den jüngeren Werken etwas gröber ausfällt.

Struktur trifft Abgründe

Als Prototyp des Brückenschlags zwischen den Jahrzehnten zeigt sich Weak. Aufbauend auf einem monotonen Basslauf im Stile der 80er und frühen 90er Jahre (vgl. beispielsweise die Klassiker The System oder The Future) reichert Gin Devo die Midtempo-Nummer mit unheilvollen Klänge und Elementen an.

Sie stehen für die neuen Vomito Negro, welche den Weg von reduzierter, teils experimenteller und doch klar strukturierter EBM belgischer Prägung hin zu ausufernden, vielschichtigen Haunted-Industrial-Klanggebilden beschritten haben. Viel Hall und abgründige Effekte setzen dabei den scharfzüngigen, effektbeladenen Gesang in Szene, der offenkundig ultrafinsteren Vorhöfen verbotener Locations entsprungen ist.

Einen ähnlichen Ansatz wählt Murk mit seinen, im Gegensatz zu früher, sehr in den Hintergrund verbannten Vocals. Einerseits stärkt dies die Szenerie, andererseits misst man in einigen Momenten (z.B. in Black Point) doch etwas das Temperament, um dem bewusst inszenierten Engegefühl zu entkommen.

Auffällig nachdenklich eint ein weiteres Highlight, Blood Fever die Vergangenheit mit dem aktuellen Sound. Es sei neben In Strikt Tempo als Anspieltipp des ungewöhnlichen Albums genannt.

Fazit: Für Fans von Vomito Negro ist Entitled eine ebenso sichere wie spannende Wahl. Das Konzept bietet den Aufgriff früher Ideen im Kontext aktueller Erfahrungen und stilistischer Prozesse. Während Soundfreaks durch den analogen Charme und das bisweilen rohe Feeling früher Ideen überzeugt werden, fühlen sich neuere Fans des Projektes in der vielschichtigen finsteren Stimmung vermutlich heimisch. Besonders überzeugend gestalten sich die rahmenden, intensiven Instrumentals sowie das in der Body Music angesiedelte, vor Energie nur so strotzende In Strikt Tempo.

Wertung: 8.5 von 10 Punkten (8.5/10)

Entitled Release Infos

Interpret: Vomito Negro
Label: Scanner (Dark Dimensions)
Release: April 2021
Stil: EBM/Dark Electro/Haunted Industrial

Tracklisting:
01. Ongoing Patterns 06:40
02. In Strikt Tempo 06:10
03. Something Must Break 06:39
04. Black Point 04:53
05. Blood Fever 04:49
06. Weak 06:48
07. Murk 04:09
08. 23 Days 04:53



 
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