Review: Portion Control -‘Pure Form’

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pure_formLange tüftelten Portion Control an ihrem neuen Album Pure Form. Die EBM/Industrial Pioniere sind Klang-Perfektionisten. Und legen gleichzeitig wert auf eine hohe Dichte und Intensität in ihrer Musik. Pure Form soll das alles einlösen, das ist der selbst gewählte Anspruch der Altmeister.

Portion Control – Pure Form

Welche Band kann eigentlich von sich behaupten, dass sie über 30 Jahre nach dem Start ihre beste Phase hat? Nicht viele vermutlich.

Die Bedeutung ihrer frühen Werke können Portion Control gar nicht übertreffen, dazu fehlt der musikhistorische Kontext. Elektronische Ideen sind kulturell längst etabliert, viele Stile und Innovationen scheinen ausgelotet.

Aber in jenem Sound besser werden, den man mitentdeckt hat und welcher durch vielerlei Gründe so wenig präsent war, das ist eine gewichtige und leidenschaftliche Aufgabe. Portion Control gehen sie mit Pure Form an.

Was Pure Form ausmacht und was es nicht ist …

Pure Form muss sich hohen Erwartungen stellen. Das haben Portion Control mit ihren letzten Alben Crop und Violently Alive selbst “verschuldet”. Sie setzten in den letzten Jahren Ausrufezeichen: So frisch klangen neuere EBM/Electro Releases selten. Zeitlos, weder trendy noch gewollt retro. “Hard rhythm electronics”, wie sie es selbst definieren.

Fast wirkt es, als wenn Portion Control ihre musikalische Saat der Frühphase ernten wollen. In den 80er Jahren taten das bekanntlich Bands wie Front 242 oder Front Line Assembly, deren Entwicklung ohne Portion Control vermutlich anders verlaufen wäre. Jetzt ist es Zeit, der eigenen Idee ein Update zu verpassen.

Zeigen, dass gleichermaßen aggressive und tanzbare Musik nicht wie verzerrter Techno klingen muss – in diese Wunde legen Portion Control ihre Finger. Härte durch Übersteuerung suggerieren, warum? Komplexität durch inflationäre Flächen vorgaukeln, überflüssig! Das Resultat wäre Soundmatsch.

Der Charakter eines Tracks liegt in der Idee und der passenden, dosierten Soundauswahl. Nicht mehr und nicht weniger. Ohne Idee bleibt nur Getue und das haben Portion Control eben nicht nötig.

EBM Update

Pure Form vereint vieles, was Portion Control charakterisiert. Scheinbar mühelos zimmert die Band knochentrockene, mit monotonen Momenten agierende Electronic Body Music zusammen.

Point Blank gibt sich als dominanter Clubkracher zu erkennen, der stilistisch das beliebte Amnesia beerbt. Portion Control setzen eine klassische EBM-Attitüde mittels zischender, pumpender und mitunter angemessener technoider Sounds um.

Der Stimmeinsatz variiert mehr als gewohnt. Ungewohnt beschwingt z.B. der Vortrag bei Wreckage. Ein Höhepunkt des Albums, dessen fast fröhlich intonierte Strophe den bissigen Text konterkariert, bevor sich Passagen mit unterschwelliger Wut durchsetzen.

Direkter das durchdachte Last Of The Breed, welches in der Wirkung Addiction Rising folgt. Angenehm unmissverständlich bis wütend, aber nie blind.

Hart bis mental – der stilistische Spagat

Die treibende, modern glänzende EBM Schiene ist ein Teil von Pure Form. Eine weitere zeigt sich anders: Gleich mehrere experimentell anmutende Instrumentals bohren sich direkt in den Kopf des Hörers.

Portion Control weisen eine unglaublich mentale Facette auf. Terex Pure, Chosen Seed oder In Dark Places – all diese Nummern führen perfekt inszeniert in Abgründe. In das fiepig-surrend Abwegige. Gekonnt und unheimlich. Etwas, das einige Trip Hop Bands beizeiten wagten. Elite, völlig richtig benannt, krönt den Soundtrip mit fragilen bis morbiden Sprecheinlagen.

Wirkten solche Momente beim Vorgänger nicht immer passend, so leiten sie auf Pure Form elegant zu den wuchtigeren und häufig leicht schleppenden Nummern über.

Schleppende Wucht

Diese enttarnen sich fast als Trademark des aktuellen Portion Control Klangs – seinerzeit eingeleitet durch Hardman auf dem Crop Album. Es gibt schon genug (zu viele?) Schubladen, wenn man diese Art eines Tracks betiteln müsste, dann wäre es “Mental Body Music”.

Wer die ruckartigen Bewegungen von Frontmann John Whybrew schon mal live gesehen hat, erkennt nun den passenden, maßgeschneiderten Sound. Diesem verleiht er in Deadstar, Skins oder Katsu seine fordernden Vocals, gerne mal mit einem verächtlichen oder missbilligenden Unterton versehen. Energie ist nicht zwangsläufig eine Frage des Tempos.

Spacige Einschübe und Samples lockern die strenge Rhythmik mit einem konkurrierenden und komplettierenden Charakter auf.

Raum-Ton-Zeit

Das Beste zum Schluss? In dem Fall schon, es ist der Auftakt des Albums: Blows vereint das Düstere, das Schleppende, die bohrende Elektronik und den mehrdeutigen Tonfall Whybrews in einem wohligen Horrortrip über (Nicht-) Identität.

Man sagt über frühe Skinny Puppy Werke, dass sie eine Psychotherapie ersetzen könnten. Keine Ahnung, ob das stimmt. Aber – Dr. P.C. behandelt neuerdings ebenfalls. Selten spürte man die Industrial-Ader von Portion Control so deutlich, obwohl Blows bestimmt keine Lärmorgie darstellt. Dissonanz kann auch ganz anders und subtiler vermittelt werden.

Jeder Klang, jede Abweichung vom “Normalen” sitzt in diesem sich langsam anschleichenden Song. Ein guter Klang braucht Raum und Zeit, um zu wirken. Raum-Ton-Zeit der Marke Portion Control. Ziemlich kopflastig, eventuell für einige zu sperrig?

Dieses Review endet mit einem Appell: Zollt dieser Band doch mal Respekt.

Wertung: 9 von 10 Punkten (9/10)Klangwelt Musiktipp

Pure Form Release Infos

Interpret: Portion Control
Label:Cherry Red (Rough Trade)
Release: 01.06.2012 (CD) / 27.04.2012 (MP3-Download)
Stil:EBM/Industrial

Tracklisting:
1 Blows
2 Deadstar
3 Terex Pure
4 Point Blank
5 Skins
6 Wreckage
7 Chosen Seed
8 Slow Release
9 Something Fierce
10 Katsu
11 In Dark Places
12 Last of the Breed
13 Elite
14 Chrono Form

4 Kommentare

  1. RESPEKT!!
    Nicht nur für dieses wirklich sehr gute neue Album – sondern auch für Deine echt tolle Kritik/Review. Ich hätte es nicht ansatzweise so gut beschreiben können. Aber das Album ist wirklich sehr gut – es ist abwechslungsreicher als “Violently Alive” (was irgendwie die ganze Zeit in einem ähnlich Tempo einfach nur ‘nach vorne ging’, aber trotzdem auch gut war). “Pure form” hört sich interessant, geht ab, aber ist auch, hm, verspielt. Nicht zu weich, nicht stumpf (gut, das ist bei Portion Control ja eh NIE der Fall – die könnes einfach!). Mir gefallen besonders “Blows” und “Deadstar” – aber es wird durchweg nie langweilig.

    Danke – ich hab mir das Album nämlich gleich nach der Ankündigung hier bei Euch gekauft. So, ihr/du bist schuld, dass ich arm und reich zugleich bin :) – aber gute Bands unterstütze ich auch gern.

  2. Hallo,
    das Album hab ich jetzt auch. – Für mich ist es die schleppende Wucht, die dieses Album auszeichnet. Und kein schlechter Song !
    Gruß Mario

    • Das ist auf jeden Fall ein echter Trademark des Portion Control Sounds der letzten Jahre. Und “Point Blank” als Clubstampfer kam bei der letzten KW ja zudem gut an.

1 Trackback / Pingback

  1. WGT Review 2012 – Ship of Ghouls >> Der schwarze Planet

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