Review: Chrome Corpse – ‘Anything That Moves’

Chrome Corpse Cover - Anything That MovesWie “oldschool” können Musiker unter 30 Jahren eigentlich sein, wenn es um klassische EBM, Electro und Industrial geht? Chrome Corpse scheren sich den Teufel, sie zeigen auf ihrem Debütalbum Anything That Moves: Das Alter ist egal, Können und Begeisterung für diesen Sound zählen. Und so folgt am Ende des ausklingenden Jahrzehnts ein hochgradig spannendes Release, das in Kürze auf dem E-picenter Label erscheint.

Chrome Corpse – Anything That Moves

Hinter der (noch) unbekannten Band stecken drei junge Amerikaner aus Seattle (22, 22 und 24 Jahre) sowie ein nicht ganz so junger Franzose (28 Jahre). Michael F “Ninethousand” und Peter “Fracture” Jobson starteten das Projekt bereits 2011 – zu Highschool-Zeiten. Sänger Tony Hirnsturm und Drummer Jimmy Shogun komplettieren das aktuelle Line-up.

Die Einflüsse lauern allerdings Jahrzehnte früher: Anything That Moves entführt den Hörer in die Hochzeit von EBM, lebendigem Sampling und ruppigen Industrialsounds, dabei fabrizierten die Musiker anfangs noch Dark Ambient Klänge – idealerweise, um unabhängige Horrorfilme zu orchestrieren. Minimale Ansätze und sogar poppige Passagen bereicherten den frühen Ansatz.

Doch der martialische EBM-Einschlag trat die letzten Jahre immer mehr hervor – es wurde tanzbarer, rauer, sogar ein bisschen funky. Inhaltlich dominieren dystopische Themen, Horror sowie Kriege der Zukunft. Die jungen Musiker atmen somit auf allen Ebenen jene Atmosphäre, welche viele Pioniere der 80er und frühen 90er versorgte und antrieb.

Oldschool, Baby!

Spannend, dynamisch und griffig – dieser Eindruck macht sich beim ersten Durchlauf von Anything That Moves schnell breit. Chrome Corpse geben sich nicht damit zufrieden, auf nur eine Band zu rekurrieren. Ihre elektronischen Inszenierungen verarbeiten Body Music und Industrial der Pionierphase ausgiebig.

Die Kompositionen tönen einerseits straight und rhythmisch, doch passiert im Hintergrund immer etwas: Ein Schrei, rhythmische Wendungen, vitale Samples, ein kurzer New Beat Kick, drohende Sequenzen oder wütende Militanz brechen herein.

Man bekommt sowohl europäisch als auch amerikanisch geprägten Oldschool-Sound um die Ohren geknallt – nicht selten sogar innerhalb eines Tracks.

Sicherlich ist im Rahmen der Produktion noch Spielraum vorhanden, doch das Zusammenspiel von Hardware und Software, von Synthesizer und Samplern sowie von kantigen Maschinendrums und Effektpedalen funktioniert. Es fusioniert den klassischen Input von Front 242, Portion Control, frühen Leather Strip, Cabaret Voltaire, Die Warzau, S.P.K und Teilen der Wax-Trax-Familie.

Kernige und abwechslungsreiche EBM-Botschaft

Nach dem industriellen Intro startet das Feuerwerk: Geshoutete Vocals ohne große Effekthascherei versorgen Kracher wie Firing Rate mit Temperament. “Woo!” Fast könnte man meinen, die Jungs seien damals live als fanatische Fans eben jener Musik dabei gewesen, haben die Klassiker aufgesaugt und verinnerlicht.

Langweilig wird es nie, die Musiker vertonen ihre wütende Energie mal in minimaler Gestalt (Aerobics Team), um dann wieder – etwa beim an Inside Treatment erinnernden Megatank – kerniges Futter für EBM-Tempel anzureichen. Wer anschließend beim überraschend melodischen und mehrstimmig vorgetragenen Silent Runners etwas à;GRUMH erkennt, liegt bestimmt nicht falsch.

Das ist das Besondere an Anything That Moves, Chrome Corpse holen sie alle zurück! Durga, Detecting Movement und vor allem Body Interface klingen beispielsweise, als wären es zeitlose Body-Music-Klassiker von damals. Nope, alles neu. Und nochmals: “Ha, ha, woo!”

Wenn ab und an gepflegtes Chaos ausbricht, dann zeigt dies nur, wie viele musikalische Ideen das Quartett bündelt, wie sehr amerikanische Unbekümmertheit den strengen europäischen Ansatz aufbricht. Und so bietet das Album abseits der erwähnten Anspieltipps ungleich mehr.

Label E-picenter schnappt sich Chrome Corpse

Die skizzierten Qualitäten der jungen Musiker blieben nicht unbeobachtet: Das E-picenter Label – verbunden mit den bekannten Common Roots Festivals und Partys – hat zugelangt und bringt das Debütalbum von Chrome Corpse anlässlich und im Rahmen der common roots Volume VIII am 23.11.2019 heraus.

Anything That Moves stellt erst das zweite Release des Labels dar, man sucht sich die Künstler wirklich genau aus. Nach No Sleep by The Machine nun Chrome Corpse – retrospektive Qualitätsarbeit mit Perspektive.

Fazit: Spannend – oldschool pur auf allen Ebenen. Wer hätte gedacht, dass vergleichsweise junge Musiker wie das Quartett von Chrome Corpse den rauen elektronischen Spirit der späten 80er und frühen 90er Jahre derart gekonnt einfangen können. Bei aller Härte und Wucht überzeugt vor allem die abwechslungsreiche Gestaltung der Tracks, in denen stets etwas Überraschendes passiert. Trotz kleinerer –– womöglich stilistisch geschuldeter – Abstriche bei der Produktion: Ob gestandener EBMer oder Industrial-Freak, hier kommt man zusammen. Rau, griffig und mit eigenständigen Vocals.

Wertung: 8.5 von 10 Punkten (8.5/10)

Anything That Moves Release Infos

Interpret: Chrome Corpse
Label: E-picenter
Release: November 2019
Stil: oldschool EBM/Electro/Industrial

Tracklisting:
01. Corpsesmasher
02. Firing Rate (Kinematic Trajectory) 04:44
03. Aerobics Team
04. Megatank 03:22
05. Silent Runners
06. Durga
07. Darkened Bodies
08. Detecting Movement
09. Brutal Anxiety
10. Body Interface (Forward Thinking)
11. Pressurizer 4.5 (Album mix)
12. Into-it-tion
13. Municipality of Futurist Endeavors



 
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