Review: Amorphous – Moth Metaphor

Artikelbild: Amorphous Review 2020Von allen bisher erschienenen Amorphous Alben zeigt sich Moth Metaphor als jenes, welche Semantik, Anspruch und Technologie am besten miteinander verbindet. Das Werk greift auf die jahrelangen Erfahrungen des brasilianischen Musikers Gil OS zurück und vermittelt vielschichtige Dark-Electro-Kompositionen auf Basis geschickter EBM- und Industrial-Referenzen. Es sind Tracks, die genau auf die richtigen, ästhetisch angemessenen Sounds und auffällig souveränes Songwriting setzen.

Amorphous – Moth Metaphor

Gil OS ist einigen Lesern vielleicht durch sein ehemaliges Projekt Morgue bekannt. Dessen letztes Lebenszeichen liegt einige Zeit zurück, es war die Compilation The Dark Files (2007). Anschließend verließ der Protagonist seine Heimat Brasilien und startet sein Leben in Europa komplett neu.

Er rief das Label Semantics Productions ins Leben, ebenso das Projekt Amorphous, welches die Vorliebe des Künstlers für ambitionierte Electro- & Industrial-Musik aufgreift und – im Gegensatz zu Morgue – kompakter und dynamischer agiert. Moth Metaphor, Album Nummer drei, folgte im Sommer 2020 den Vorgängern Behaviourism (2015) und Shapeshifting (2017).

Und wer sowohl die Szenegrößen wie Skinny Puppy, Front Line Assembly oder VAC, gleichzeitig aber viele Aspekte des 90er Jahre Dark Electros schätzt, findet auf dem Album Ansätze und Klänge, die eben diese Vorlieben vielschichtig aufgreifen.

Zur Einschätzung eines Albums dient neben der Stilistik zweifelsohne die persönliche Wirkung, gleichzeitig aber auch das, was NICHT vorkommt: In diesem Falle sind dies leblose Preset-Klänge oder dudelige, jahrelang überhypte Trance-Sounds. Kurzum solche Elemente, die gerne von Bands genutzt werden, die ohne großen Aufwand mehr des Gleichen mittels billiger Klänge ausspucken oder “ausspuken”. Amorphous verzichtet darauf.

Komplexer Dark Electro mit szenischem Songwriting

Bereits die eröffnenden Tracks spannen den Bogen auf: Kraftvolle und wechselhaft gestaltete Rhythmen takten atmosphärische und düster-mehrschichtige Soundlandschaften. Samples und Loops treten aus dem Schatten hervor, verkünden ihre Botschaften, bevor kickende Snares und passende Patterns ihren Platz reklamieren.

An einigen Stellen übernimmt der verzerrte Gesang die Funktion eines Instrumentes, begleitet die Kompositionen mehr als dosiertes Stilmittel, denn als dominante Erzählung. Das funktioniert insgesamt gut und markiert vielleicht dennoch den einzigen Kritikpunkt im Rahmen des stimmigen Werkes. Denn in zugegebenermaßen recht wenigen Momenten würden mutigere (deutlichere) Vocals die Szenerie vielleicht sogar intensivieren. Beispielsweise im kickenden Nonlinear Future oder beim Song Unknown Things. Hier wartet das angelegte Temperament darauf, auszubrechen.

Je nach Idee konkurrieren wuchtige Tracks (Episode) mit ausladenden Kompositionen wie Secret Place. Dessen immanente Heimlichkeit fordert auf, nun im eigene Interesse leise zu sprechen. Passende noisige Sounds und elaboriertes Songswriting entwickeln diese Nummer zu einem Highlight des dystopischen Industrials. Die vertonte Klaustrophobie schnürt einem geradezu die Kehle zu.

Ausdruck, Kunst und Komposition auf hohem Niveau

Extrem drohend bleibt das Finstere, spürbar an Skinny Puppy und Penal Colony gemahnende Wasteland im Gedächtnis: Es dockt an vergessene Furchtstrukturen an, vertont nahende Gefahr in greifbarer Weise. Positiv Auffällig ebenfalls Mystery Man – der Musiker eint hierbei ein raues, industrielles Flair mit dem Einsatz epischer Sounds. Intensive Samples flankieren diesen Soundtrack einer Schlacht von außer Kontrolle geraten Mensch-Maschine-Hybriden.

Im Gegensatz dazu tönt How It All Goes Down fast technologisch-nüchtern, ruft diverse Momente in Erinnerung, welche Bill Leeb und seine Mannen über die Jahrzehnte so kreiert haben. Our Deepest Fear schließt das reguläre Album auf höchsten Niveau ab: Es generiert durch Sound und erzählende (teils französische) Samples eine Beklemmung, die simultan Fluchtreflex und Annäherungsverhalten beim Hörer provozieren, mehr Erlebnis als bloße Musik.

Fazit: Die technologisch perfekt inszenierten Tracks wenden sich mit ihren bedeutungsschwangeren Aussagen und gefährlich anmutenden Stimmungen sicher an Kenner der traditionellen Genres Dark Electro und Industrial. Soundauswahl und intelligente Komposition provozieren eine durchaus emotionale Wirkung, welche sich geschickt auf unterschiedlichen Ebenen ansiedelt. Die Vocals begleiten oder betonen die bisweilen beklemmenden oder drohenden Szenerien – hier lauert in selektiven Momenten noch Potenzial für die Zukunft. Moth Metaphor, das ist ein komplexes, sehr gut produziertes Werk mit ästhetischem Gespür für Dunkelheit und angemessene elektronische Klänge. Szenische Highlights: Our Deepest Fear, Secret Place, Wasteland und Mystery Man.

Wertung: 8.0 von 10 Punkten (8.0/10)

Moth Metaphor Release Infos

Interpret: Amorphous
Label: Semantics Productions und Wave Records
Release: Juni 2020
Stil: Dark Electro/EBM/Industrial

Tracklisting:
01. Kingdom Of Darkness
02. Blackout
03. Episode
04. Secret Place
05. Wasteland
06. Nonlinear Future
07. The Mystery Man
08. Unknown Things
09. How It All Goes Down
10. Our Deepest Fear
11. Bonus: Confinamiento
12. Bonus: Kingdom Of Darkness (Empire Version)
13. Bonus: A New Morning



 
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