Review: TC75 – Popmusesick

Cover: TC75 – Popmusesick

Cover: TC75 – PopmusesickTino Claus lebt Energie und musikalische Idee bekanntlich bei MRDTC und Amnistia aus, eint EBM-Power mit dem differenzierten Anspruch des traditionellen Dark Electros. Offenkundig ist es damit nicht getan, wuchtige Tracks und “ein verrücktes Großprojekt” namens Obituary bahnen sich auf dem Solowerk Popmusesick von TC75, welches im September 2020 veröffentlicht wird, ihren Weg.

TC75 – Popmusesick

Popmusesick markiert nicht das erste Soloalbum des Leipziger Musikers Tino Claus aka TC75. Bereits im Jahre 2017 erschien Tension, gefolgt vom Remix-Album Morphed (2019).

Wenn im September 2020 das dritte Album hereinbricht, dann können sich die Hörer auf durchaus unterschiedliche Facetten des Musikers gefasst machen. Bereits der Titel des Albums dreht den enthaltenen Begriff Pop durch den Fleischwolf, lässt ihn faulen und verrotten – das Wortspiel lädt zu Interpretation ein.

Insgesamt bietet das neue Werk vieles von dem, was dem Künstler schlichtweg im Blut liegt: die bassgetriebene Power der EBM, das Vertrackte des Rhythm ‘n’ Noise, dezente Melodie-Sprengsel sowie die düstere (dystopische) Botschaft des klassischen Industrials.

Umfangreiche Klaviatur authentischer elektronischer Szenemusik

Früh zeigt Popmusesick seine abwechslungsreiche perkussive Seite, auf dessen Basis sich die jeweilige Gestalt der (bisweilen unheimlichen) Kompositionen entwickelt. Einige tendieren stilistisch durchaus in die Nähe von No Sleep by The Machine, öffnen Tür und Tor für ebenso wandlungsfähige wie krachende Rhythmen.

Ob im Vortrag gepresst, druckvoll oder andeutend, stets vermitteln die Vocals eine Idee mit Konturen. Diesen Ansatz treibt das erzählende Back In The Place auf die Spitze: Minimal und fokussiert reiht sich der Titel in jene Eruptionen ein, wie sie Dive oder The Klinik so gerne provozieren.

Doch TC75 kann auch anders: Songorientierte EBM-Nummern wie Rooms befeuern das Werk. Beim Hören lebt schnell jene Faszination auf, welche in der Frühzeit ebenso düsterer wie mutiger elektronischer Musik so fühl-, ja fast greifbar war.

Rooms lässt mit seinem geschickten Body-Music-Gewand sowie den echounterlegten Vocals immer wieder Spielraum für nahende Gefahr, die Komposition verdichtet das klaustrophobische Thema gekonnt. Daraus resultiert ein irre guter Moment mit viel Drive, welcher das Thema Isolation und auswegloses Gefangensein derart intensiv aufgreift, dass es unter die Haut geht.

In eine ähnliche Richtung tendieren Songs wie Heart Thief. Sie zeigen schlichtweg, wie kraftvoll Inszenierungen wirken können, die in ausgewählten Momenten Eingängigkeit – ein versprengtes Momentum Pop – integrieren. Save Face würde ebenfalls zu dieser Kategorie zählen, ist aber nicht ganz so druckvoll und überzeugend produziert.

Knallige Electro-Passagen in Pressure oder Swear To God komplettieren Popmusesick. Hervorzuheben ist zudem Then Came The Rain: Eine dystopische Ballade, in welcher gegenläufige Vocals ihr Narrativ entwickeln. Wie gemalt als Tonspur in alternativen Filmproduktionen oder als unheimliches Bild im Hinterkopf.

Großprojekt Obituary

Und dann lauert noch Obituary auf den Hörer. Es ist Track 11 und somit die andere Seite von Popmusesick: Normal (was immer das auch sein mag) ist hier nichts mehr, denn rund 40 Minuten Spielzeit offenbaren einen düsteren Epos voller Anrufungen und unheilvollen Momenten.

Die ausufernde Erzählung knarrt, zirpt und droht metallisch. Im Rahmen der umfangreichen Kooperation tragen folgende Musiker ihren Part zum schleppend-rituellen Soundtrack des Abwegigen bei, frönen Mut und Experiment.

  • Andrea Morsero (In.Visible)
  • Martin Sane & Persephoniis Phoenix (Fïx8:Sëd8)
  • Lauro Guedes Junior (kFactor)
  • Patrik Lev (Depressive Disorder)
  • James Mendez (Jihad)
  • Jens Plesner (No Sleep By The Machine)
  • Sasha Rempel (thewalkingicon)
  • Javi Saez (Vein Cramp)
  • Emese Árvai-Illés (Black Nail Cabaret)
  • Sinan Jafan
  • Schmoun (Pyrroline)
  • Sebmer (Wülf7)
  • Jan Dewulf (Mildreda)
  • Dirk Ivens (Dive)

Obituary hört man nicht einfach, man erlebt dieses morbid-industrielle Gebilde als Necronomicon alternativer Musik, als ein lange währende, nahezu kultische Wanderung durch den alten Pioniergeist der Szene, vorgetragen von zahlreichen Protagonisten der aktuellen Generation.

Vielleicht kann dieser Versuch, dieses wahrlich verrückte Industrial-Großprojekt nur im Jahre 2020, in jenen Monaten, als auf diversen Ebenen so einiges aus den Fugen geraten ist, erscheinen.

Fazit: TC75 beherrschen die Szene-Klaviatur, bieten konzentrierte Trackideen auf Basis einer stimmige Vermengung von EBM, Dark Electro, dezentem Noise und Industrial. Nur 1–2 Tracks können durch ihre gedämpfte Produktion nicht ganz mithalten. Das Experiment Obituary krönt hingegen den Mut des Musikers, Hörgewohnheiten zu sabotieren. Es verdichtet das Surreale und Düstere zu einer ewigen, unfassbar finsteren Erzählung, ein Kreuzzug von Realität, Legende und Befürchtung.

Wertung: 8.5 von 10 Punkten (8.5/10)

Popmusesick Release Infos

Interpret: TC75
Label: Razgrom
Release: September 2020
Stil: Dark Electro/EBM/Industrial

Tracklisting:
01. In The Long Run We Are All Dead
02. Desire
03. What You Don’t Know
04. Swear To God
05. Heart Thief
06. Back In The Place
07. Then Came The Rain
08. Save Face
09. Rooms
10. Pressure
11. Obituary

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