Review: MRDTC – Monarch

Cover: MRDTC – Monarch EPSich immer wieder neu erfinden, unorthodoxe Perspektiven ausloten, die Soundauswahl perfektionieren, Gegenwärtiges einfließen lassen – dafür stehen MRDTC seit rund 10 Jahren. Gar nicht so leicht, wenn aus dem Kontext der EBM stammt und sich meist klaren Erwartungen einer jahrzehntelangen Nische ausgesetzt wähnt. Vielleicht beschreiben Tino Claus und Mr. Dupont ihre neue EP Monarch daher als Avantgarde Body Music.

MRDTC – Monarch

Nein, mit ihrem einfach strukturierten, thematisch erschreckend aktuellen Clubhit Liar hat die fokussierte, mit drei neuen Tracks in unterschiedlichen Versionen aufwartende Monarch EP ebenso wenig gemein wie mit dem letzten, sehr szenischen Konzeptalbum Straight From Nothington.

Bereits der kreative Prozess gestaltete sich anders: Mr. Dupont steuerte nach nötiger Findungsphase Idee, Musik und Text bei, Bandkollege Tino Claus, anfangs skeptisch, dann voll überzeugt, seine Vocals.

Der für so viele Szenebands kleiner Nischen – hier ist neben EBM durchaus auch an Punk, Ska oder Post Punk zu denken – subtil schwelende intra- und interpersonelle Disput (nämlich jenem mit ihren bisherigen Fans) bezüglich Innovation und Stiltreue stellt eine stete Herausforderung dar.

Stilistik als Fluch und Segen von Szenebands

Potenzieller Stagnation und aufkommendem Frust durch stete Wiederholung des bisher mit viel Leidenschaft Erreichten steht die Extremposition der Innovation als Selbstzweck ohne eigentliche Inspiration gegenüber. Zweitgenanntes klappt ungefähr so gut wie der leidige Versuch, bewusst einzuschlafen. Gar nicht.

Einerseits können unabhängige Bands musikalisch immer genau das machen, was sie wollen, sind niemanden etwas schuldig. Andererseits ist so ne kleine, aber feine Anhängerschar natürlich der Lohn mühsamer Arbeit und dadurch ein motivierender Aspekt, oder?

Glücklicherweise meistern MRDTC dieses Thema überzeugend: Wandel als selbstverständliches Element der Offenheit, als Verarbeitung von Erfahrungen und neuen Themen, als Folge erlangter persönlicher Reife, ja als Darbietung technischen Könnens erlaubt dem Duo einen kreativen Prozess der Neuerung, ohne verbrannte Erde zurücklassen zu müssen.

Ihr Weg kann Fans mitnehmen – und bei intendierter Erweiterung der Nische sogar enger binden.

Avantgarde Body Music

Wenn Monarch an anderer Stelle dahingehend skizziert wird, dass die Single “EBM-Trademarks in ein nächtliches Gewand” einbettet, so stimmt dies durchaus. Auch durch die Vocals klingt Monarch sehr finster, gleitet aber nicht ins Overacting ab.

Doch es ist mehr als das: Nach der Einführung ebnet sich ein typischer, treibend-redundanter EBM-Bass seinen konsequenten Weg; er nimmt Fans dieser Musik spielend mit.

Sequenzielle Intermezzos, kleine Wendungen und Filter sowie absolut passend ausgewählte, teils sehr machtvoll anmutende Sounds flankieren diese Grundstruktur, lassen sie evolvieren. Anschließend mündet der Track in einem futuristisch anmutenden Refrain mit angemessener Distortion.

Strukturen ausarbeiten und veredeln

Dadurch erlangt die Nummer eine umfassende, technisch anspruchsvolle Wirkung, die über den “Haudrauf-Ruf” jener EBM, welcher dem Punk nahesteht, hinweggeht. Konsequent sorgen die Musiker für eine stete Unruhe, ein angenehm drohendes Flirren in den geschickt arrangierten Songs.

Es spricht in den 20er Jahren eines neuen Jahrtausends wirklich nichts dagegen, vorhandene Möglichkeiten zu nutzen, um dem Genre hier neue Impulse zu verpassen. Mit entsprechendem Selbstbewusstsein oder Anspruch ist avantgardistisch dafür der richtige Begriff.

Kraft büßen die Nummern – in diesem Kontext sticht das militante, etwas an MCOTM anknüpfende Guns2Hearts parolenhaft hervor – aufgrund ihres beschriebenen Aufbaus keineswegs ein. Dies gilt ebenso für das instrumentale Sleeper Hit, dessen technoider Charakter von morbiden Flächen und noisig-rhythmischen Elementen veredelt wird.

Ein avantgardistischer Anspruch bedeutet somit nicht, dass die Musiker alles suspendieren, was das EBM-Genre zeitweilig so erfolgreich gemacht hat. Vielmehr bauen sie mit ihrer Musik geschickt darauf auf. Nur bitte verschont uns mit der Abkürzung ABM, die ist aus anderen Kontexten des Lebens eher mit Missfallen behaftet.

Fazit: Ob betont avantgardistisch oder einfach nur in mutiger Weise ohne große Scheuklappen voranschreitend, die EP Monarch punktet schlichtweg durch ihre soundmäßig extrem stimmigen und ausgeklügelt produzierten Tracks. Sie bündelt Body Music mit Dark Electro und originell flankierenden Elementen. Dadurch klingen MRDTC gleichermaßen kraftvoll, frisch und atmosphärisch. Nur bedeutet Energie hier nicht Simplifizierung und technisch Ausgeklügeltes nicht Kraftverlust. Monarchisch finster, und damit sehr gegenwärtig, tönt’s allemal. Langjährigen Genrefans – vielleicht sogar neuen Anhängern – sollte diese EP es ehrlich gesagt auch gar nicht so schwer machen.

Wertung: 8.5 von 10 Punkten (8.5/10)

Monarch Releaseinfos

Interpret: MRDTC
Release: April 2022
Label: Eigenvertrieb via Bandcamp
Stil: Avantgarde Body Music

Tracklisting:
01. Monarch (Club) 05:20
02. Guns2Hearts (Bullet) 03:11
03. Sleeper Hit (Instrumental) 05:41
04. Monarch (Radio) 04:05
05. Guns2Hearts (Target) 03:43
06. Hearts2Guns (Respawn) 04:03



 
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