Review: Amnistia – We All Bleed Red

Review: Amnistia – We All Bleed RedAmnistia zählen zu jenen Formationen, deren Musik bisher von Release zu Release an Individualität und Intensität zulegen konnte. So auch We All Bleed Red, das aktuelle Werk, welches eine längere Anlauf- und Bearbeitungszeit benötigte. Es bietet einerseits typische Amnistia-Elemente und zugleich eine enorme stilistische Vielfalt. Das Gemeinsame in jener Vielfalt markiert das Hauptthema des Werks, denn bluten tun wir tatsächlich alle in der gleichen Farbe.

Review: We All Bleed Red

Wiederholen will sich das Leipziger Duo bekanntlich nicht, doch Amnistia achten bei musikalischen Entwicklungen ebenfalls darauf, ihrer Richtung treu zu bleiben. Ganz pragmatisch als Body Wave beschrieben, spielt man mit vertrackten und düsteren Dark-Electro-Elementen, noisigen Einschüben sowie mit treibenden EBM-Bässen/-Rhythmen.

In zahlreichen Tracks finden sich zudem kleine Melodien und gefällige Passagen, die schlichtweg anzeigen, wie sehr sich das Songwriting mittlerweile ausdifferenziert hat. Es lässt Raum für musikalisches Können abseits durchlaufender Sequenzen.

Während des Entstehungsprozesses gaben Amnistia das bis dahin erstellte Material zudem an befreundete Musiker weiter. Tino Claus und Stefan Schötz nutzten anschließend das erhaltene Feedback dazu, ihren Klang weiter zu perfektionieren, durch bessere Produktion zu verfeinern.

Ode an die (unperfekte) Menschheit

We All Bleed Red entpuppt sich inhaltlich als eine Ode an die Menschheit als Gesamtes – so die Band, als “eine Ode an eine vollkommen unperfekte Spezies mit Größenwahn. Eine Spezies, der wir angehören und die hoffentlich noch nicht verloren ist…” (Tino Claus).

Trotz der stilistischen und gesanglichen Vielfalt – gepresst, leicht effektbesetzt oder distorted – schlägt die bedrückende Tonart des Grundthemas immer wieder durch. Vielleicht wirkt das Werk deshalb so stimmig: Viele facettenreichen Bilder, die beim Hörer aufsteigen, verdichten sich schlussendlich zu einer Kontur – einem zeitkritischen Motiv.

Besonders in Thoughts sammelt sich die Skepsis. Jenem Song, der vielleicht am meisten eine Brücke zu den alten Amnistia-Songs baut. We All Bleed Red setzt einen weiteren Eckpunkt: Der schleppende, extrem maschinelle und vocalmäßig an Trial gemahnende Titeltrack erweist dem Begriff “decay” alle Ehre. Epischer Dark Electro der alten Schule.

Doch der betont vielschichtige Output verharrt nicht auf dem Weg der alten Schule, sondern variiert von Track zu Track: The Sinner ist so ein Song, der mit seiner reduzierten Struktur und seinem ungewohnt persönlichen, ja balladesken Vortrag – präziser lässt es sich leider grad nicht fassen – auf Emotionen abzielt. Amnistia befürchteten, dass er vielleicht zu sperrig tönen würde. Das ist ganz sicher nicht der Fall.

Perfekt dosierte Flächen und Samples

Ein Stilmittel, das immer wieder Akzente setzt, ist das enorme Gespür der Musiker für den Einsatz charakterstarker Flächensounds. Sie intensivieren das Hörerlebnis, ohne den Song zu verhüllen oder weichzuzeichnen. Daraus resultieren auf dem neuen Amnistia-Album gleich mehrere offenkundige Szene-Hits.

Bei den vier überragenden – an der Schnittstelle von EBM und Dark Electro angesiedelten – Tracks The Hook, E.Y.S.I.D., Thoughts und Caged lassen eben jene dosierten Flächen den wohl intonierten Refrain nicht nur auffächern, sondern in seiner energetischen Wirkung explodieren.

Ganz ehrlich gesprochen: Wegen der Qualität solcher Titel haben viele von uns angefangen, Szene-Bands zu hören – oder nicht? Die Musik greift, ja ergreift den Hörer, hakt sich ein. Get hooked! Dass man bei den gewählten Harmonien von The Hook offenkundig Skinny Puppy Tribut zollt, rundet diesen wahrgenommenen Effekt stilistisch ab.

Wer sein (rotes) Blut mal schnell gefrieren lassen will, führt sich die Samples zu Beginn des gepresst-seidig vorgetragenen Dark zu Gemüte. Auch diese kreative Technik ist immer wieder zu vernehmen, etwa in Dissonantia. Das Sampling leitet Songs ein, fungiert als Bridge oder verstärkt einfach die vorherrschende Atmosphäre.

Apropos Ein- und Ausleitung: Den bedrohlich auftretenden Opener Init Nine könnte man als typisches Amnistia-Instrumental mit gelungener Dramaturgie und geschickten Referenzen einschätzen. Doch das Duo verabschiedet sich, und zwar gegen die Erwartung, mit einem finsteren Techno-Track namens Dern. Doch markiert das Outro keinen Fremdkörper, harmonieren die gewählten Sounds gefühlt ideal mit dem Rest des Tracks.

Fazit: Düster, rau und doch besser ausgearbeitet als je zuvor zelebriert das Duo seine voranschreitende Musik, die es so gerne als Body Wave tituliert. We All Bleed Red bietet alles: die EBM-orientieren Stampfer mit ihrem düsteren Charakter, weitläufige Mindtrips, Sperriges, unheilvolle Passagen versetzt mit passenden Samples, fesselnde Szene-Hits (The Hook, Caged) und einen ungewohnt technoiden Ausklang. Doch die unterschiedlichen Puzzleteile generieren ein stimmiges Bild, das vielleicht etwas erdiger und direkter wirkt als die bisherige Zeichnung der Band.

Wertung: 9.0 von 10 Punkten (9/10)Klangwelt Musiktipp

We All Bleed Red Releaseinfos

Interpret: Amnistia
Release: Juni 2022
Stil: Body Wave

Tracklisting:
01. Init9
02. Truth / Hurts / Lie
03. The Hook
04. W.A.B.R.
05. Dark
06. Time
07. E.Y.S.I.D.
08. Thoughts
09. Caged
10. Dissonantia
11. The Sinner
12. Dern



 
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